Medieninkompetenz: ein selten diskutiertes Problem …

Tagtäglich erlebe ich, dass die Medienvielfalt für normal interessierte User nicht mehr bewältigbar ist. Medieninkompetenz klingt zwar wie ein Vorwurf, ist es aber definitiv nicht. Es setzt schon eine ziemlich intensive Auseinandersetzung mit Facebook, Twitter & Co. (und durchaus auch mit dem Thema e-Mail) voraus, um Mechanismen und Funktionsweise der jeweiligen Medien zu verstehen und sauber nutzen zu können.

Ich musste mich in den letzten Wochen und Monaten immer wieder beherrschen … Eigentlich wollte ich bei jeder der beiden Post-Wellen auf Facebook (dazu später mehr), die jeweils fast ausschließlich Dinge enthielten, deren Wahrheitsgehalt irgendwo zwischen teilweise richtig und völligem Blödsinn lagen, jeden Post kommentieren … Letztlich habe ich mir dann gedacht, meine Kommentare würden als Besserwisserei empfunden werden. Vor wenigen Tagen gab’s aber wieder eine Geschichte, die mich zu diesem Blogpost animiert hat. Hoffentlich fällt er ja auf fruchtbaren Boden …

2 wesentliche Treiber: mehr Funktionen & neue Generationen

Für diese immer wahrnehmbarere Inkompetenz gibt es für mich im Wesentlichen 2 Treiber, die ich an und für sich jeweils absolut positiv sehe: Erstens erweitern die Anbieter ihre Plattformen kontinuierlich um weitere Funktionen bzw. verfeinern bestehende und zweitens nutzen Generationen, die außerhalb der digitalen Welt aufgewachsen sind, diese immer intensiver.

User wissen somit oft immer weniger, was sie eigentlich machen (inklusive dem Problem, dass sie die Privatsphäre-Auswirkungen gar nicht abschätzen können). Leider ist das öfters auch bei Leuten der Fall, die zB Facebook auch in einem geschäftlichen Kontext nützen wollen.

Kompetenzmängel & Wissenslücken

Welche konkreten Probleme sind mir in den letzen Monaten aufgefallen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Auf Facebook werden wahllos Halbwahrheiten und kompletter Unsinn weiterverbreitet. Die erste vorhin angesprochene Post-Welle betraf die Fehlinfo, dass alte Privatnachrichten zeitgleich mit der Einführung der Timeline öffentlicht dort abrufbar gemacht wurden (es waren lediglich alte Posts von Freunden auf der Pinnwand, die wieder ans Tageslicht kamen, wenn man weiter nach unten gescrollt hat – siehe zB Post auf allfacebook.de).
  • Die zweite Post-Welle betrifft das Titelbild dieses Posts (ist zwar wenigstens nett gemacht aber dennoch inhaltlich nicht richtig – ich will aber nicht Landidee hier an den Pranger stellen, hier wird sonst gute Arbeit geleistet). Das Hinzufügen einer Seite zu einer Interessenliste bringt für den Edge Rank so gut wie gar nichts – insofern fehlt in der Info im Titelbild der Hinweis, dass diese Interessenliste dann auch noch aufgerufen werden muss, um die Posts zu sehen. Die gesamte, inhaltlich dann korrekte Fassung habe ich nur 2 oder 3 Mal gesehen … Viele Seitenbetreiber sind da nicht kompetenter als “Otto Normaluser”.
  • Vor wenigen Tagen gab’s dann auch noch den AGB-Widerspruch per Posten eines Textes oder Bildes auf der eigenen Facebook-Timeline.
  • Der Auslöser für den Post war ein Mail heute Mittag, mit dem mit komplett offenem Verteiler von über 200 Personen eine Veranstaltungseinladung verschickt wurde (die dann im Mail natürlich noch dazu gefehlt hat). Auf dieses Mail wurde dann mehrfach mit wiederum komplettem Verteiler geantwortet – in Summe über 1.000 komplett sinnlose Mails … Spätestens seit Babette den Bundestag lahm gelegt hat, sollte das Thema eigentlich auch durch sein und allen klar sein, was bei “Antworten an alle” passiert …
  • Pressemitteilungen erhalte ich zu oft mit in Word-Dokumenten eingebetteten Fotos … die dann in ordentlicher Qualität nicht herausspeicherbar sind.
  • Wir haben vor wenigen Wochen versucht, Netzwerkpartner dazu zu animieren, einen für uns sehr wichtigen Post über die jeweilige Facebook-Seiten weiter zu teilen. Dafür war dann eine detaillierte Anleitung als pdf nötig – sonst hätte es nicht geklappt.
  • Wenn ich auf Facebook meine Liste mit Freundesvorschlägen öffne (was selten genug vorkommt), finden sich dort (außer Leuten, die ich zwar kenne, mit denen ich aber nicht auf Facebook befreundet sein muss) durchgängig Unternehmen, die mit privaten Profilen und nicht Seiten auf Facebook präsent sind.
  • Letzten Sommer haben wir mit einer Facebook-Promotion Schiffbruch erlitten. Dabei hätten Fans über eine App Gestaltungsvorwürfe für ein T-Shirt hochladen sollen – offensichtlich war der technisch simple Schritt, eine händisch angefertigte Zeichnung abzufotografieren und dieses Foto dann hochzuladen, eine zu hohe Hürde.
  • Ich höre immer wieder, dass in Schulen erzählt wird, dass – wenn ein Schüler die Karrierepage eines Unternehmens liket – diese Unternehmen dann alle privaten Details einsehen kann. Absoluter Humbug.
  • Den wenigsten Usern ist die Grundregel “Mach im Netz nichts, was du nicht auch im “echten” Leben machen würdest” wirklich bewusst. Sonst könnte es nie zu Kündigungen kommen, die von unbedachten Post zumeist auf Facebook (rechtmäßig) ausgelöst werden (siehe zB azubister.net) oder zu Verurteilung auf Grund von Kommentaren auf News-Portalen (da gab es im Vorarlberg im Oktober eine Woche mit 3 Urteilen).
  • Selber habe ich auch die Erfahrung gemacht, mit wie viel Aufwand die Einführung von Kooperationsplattformen, Tools zur Zusammenarbeit, Wikis oä verbunden ist. Enterprise 2.0 ist zwar ein schönes Schlagwort, verlangt aber aus meiner Sicht weniger Haltungsänderungen auf Leitungsebene als Qualifikationsbereitschaft und -bedarf bei Mitarbeitern.
  • Unkorrekt durchgeführte Promotions auf Facebook will ich hier gar nicht ansprechen – das würde Bücher füllen …

Diese Liste ließe sich beinahe endlos weiterführen …

Learnings für die (komplette) Personalarbeit

Eines ist klar: Komplizierte Promotions und Online-Bewerbungsverfahren verbieten sich von selbst. KISS ist da wohl das Gebot – “keep it simple and stupid”. Das ist in meiner Wahrnehmung aber bei etwas erfahreneren Personalmarketern und Recruitern ohnehin kein Thema, alles klar.

Mich beschäftigt derzeit aber viel mehr die Frage, ob wir alle zusammen nicht mehr in die Aufklärungsarbeit und Schulung investieren müssten. Aktivitäten wie die EU-Initiative klicksafe.de oder Facebook Privacy-Leitfäden wie von Jörn Hendrik Ast oder Henner Knabenreich sind da schon mal vorbildlich. Und dazu die Frage, welche Möglichkeiten sich da für eine Arbeitgebermarke bieten, die sich in ihrem Umfeld entsprechend engagiert …

Aus diesem Kompetenzmangel heraus bauen sich aber auch Hürden in der (unternehmensinternen) Zusammenarbeit auf. Ich mache gerade die Erfahrung, wie mühsam es ist, für die Arbeit in einer recht überschaubaren Gruppe von 15 Personen eine Wiki-Lösung einzuführen. Natürlich besteht dabei nicht nur das Problem der rein technischen Bedienung des Tools sondern vor allem auch der Kultur der Informationsbeschaffung. Wikis oder andere Plattformen beruhen da zu großen Teilen auch darauf, dass man sich die Informationen herausholt, die man braucht, und nicht darauf wartet, dass man ein Mail bekommt, in dem alles enthalten ist (auch wenn es Benachrichtigungsfunktionen gibt). Dieser Wandel zu einer Art Holschuld bedeutet ein enormes Umdenken. Dabei gilt es dann, mit viel Fingerspitzengefühl den (individuell) richtigen Mix aus Überzeugungsarbeit und „Zwang zur Nutzung“ zu finden … Die völlig „schmerzfreie“ Redaktionskoordination dieses Blogs über eine geschlossene Facebook-Gruppe ist da sicher die Ausnahme.

Sebastian Manhart About Sebastian Manhart

Personalmarketing, Employer Branding und Recruiting sind für den ehemaligen Handball-Nationalspieler Hobby und Beruf zugleich: Seit 2009 ist er als Geschäftsführer der V.E.M., der Vorarlberger Elektro- und Metallindustrie in der Wirtschaftskammer Vorarlberg für die Unterstützung der Mitglieder und gemeinsame Aktivitäten bei der Fachkräftesuche auf allen Qualifikationsniveaus zuständig und befasst sich daher tagtäglich mit Personalmarketing, Employer Branding und Ausbildungs- und Bildungsthemen. Privat interessieren ihn die (Kommunikations)-Möglichkeiten, die das Internet mit allen seinen Facetten bietet.

Comments

  1. Danke für diesen Artikel. Wirklich. Was man derzeit alles so auf FB an hirnverquertem Gedöns lesen muss ist phänomenal.

    Ich habe ein bisschen die Befürchtung, dass die Medienkompetenz der User zu Teilen auch gar nicht erwünscht ist. Nicht auszudenken was passiert, wenn Herr Otto von und zu Normal auf einmal merkt, dass die ganzen tollen Services die er nutzt im Endeffekt nur dazu dienen ihn als Conversion im Dashboard einiger Marketers aufschlagen zu lassen.

    So social wie es klingt ist das Ganze nicht. War es nie.

    • Sebastian Manhart Sebastian Manhart says:

      Hallo Christian,
      deine Befürchtung kann/muss ich teilen – allerdings wohl weniger, wenn es um Employer Branding oder gar Recruiting geht. Da sind Conversions letztlich ja eigentlich Bewerbungen relevanter Kandidaten – und dabei geht es nicht um reines Zahlenwerk, mit dem Geschäftsleitungen zufrieden gestellt werden sollen, sondern um die einzelne Person an sich. Hoffe ich wenigstens …
      Sebastian

  2. Sie sprechen mir aus der Seele. All diese unsinnigen Halbwahrheiten oder Falschmeldungen über soziale Medien und der beständige Drang nach mehr Finesse bei Social Media Projekten zeigen eines ganz klar auf: Unternehmen und Nutzer entfernen sich im Social Web immer mehr voneinander. Während der eine Teil immer komplizierter, vernetzter und kreativer denkt, ist der andere Teil gerade erst einmal bei Level 1 angekommen.

    „Back to the roots“ sollte die Devise lauten – besinnen auf das Wesentliche, auf das aufeinander zugehen, auf das zuhören, auf das miteinander sprechen. Man muss die Nutzer mitnehmen, sie eher abholen und aufpassen, dass man sie nicht verliert. Und das muss in den Schulen beginnen, sich an den Unis fortsetzen, um dann im Alltag gelebt zu werden.

    • Sebastian Manhart Sebastian Manhart says:

      Hallo Herr Pötzscher,
      Besser hätte ich es auch nicht formulieren können … bis dorthin ist es leider noch ein weiter Weg.
      Wir überlegen gerade für Schüler in unserer Region ein Aufklärungs- und Schulungsprogramm anzubieten – und sind letztlich selber ja auch schon mit etwas zu Kompliziertem, was in unseren Augen eigentlich ganz simpel gewesen wäre, gescheitert.
      Sebastian Manhart

  3. Super Beitrag! Vielen Dank, dass mal jemand alles so schön gesammelt hat.

    Die Konklusion unterstütze ich ebenfalls, vielleicht sollten wir uns alle für ein entsprechendes Unterrichtsfach stark machen. Die Kollegen der Telekom haben ja mit der Projektgruppe eEtiquette vor ein paar Jahren schon Pioniergeist bewiesen, daran sollte man massiv anknüpfen.

    Gruß Jack

    • Sebastian Manhart Sebastian Manhart says:

      Hallo Jack,
      ein eigenes Unterrichtsfach ist vielleicht (derzeit noch) zu hoch gegriffen – strukturierte Information und Aufklärungsarbeit ist aber definitiv angebracht. Dabei müsste es mE aber nicht darum gehen, wie ich einzelne Plattformen im Detail „bediene“ sondern die generellen Mechanismen aufzuzeigen. Funktionalitäten ändern sich zu schnell – dafür gibt’s für mich Fachblogs …
      Sebastian

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