Ey, es is‘ Demografiewandel …

Ey, es is‘ Demografiewandel …

Mitteleuropa und Deutschland verändern sich – Realisation ist nicht gleich Reaktion

Haben Sie vor kurzem auch irgendwo gehört oder gelesen, dass es in Deutschland und vielen anderen mitteleuropäischen Ländern bald einen Demografiewandel[1] geben soll. Schockierende Neuigkeiten, nicht wahr! Deutschland und einige andere Länder haben etwas Wichtiges auf dem Weg, führende Wirtschaftsnationen sein und bleiben zu wollen, vergessen – Babys machen!

Volkswirtschaften benötigen Nachwuchs (was für eine erstaunliche Erkenntnis!), Menschen brauchen Familienfreundliche und Familienfördernde Strukturen und Unterstützungsleistungen. Die Politik sollte den Menschen und den Gesellschaften – einer Solidaritätsgemeinschaft dienen – nicht sich selbst! Zum Glück haben wir noch etwas Zeit und der Altersdurchschnitt in vielen Firmen ist ja noch unter 40 …

Der Trend zum Individualismus, zur Wahlfreiheit über das Einbringen von Leistung, Willen, Wollen, und dem Beitrag zur Gemeinschaft – ein Glück, dass wir diesen Zustand erreicht haben …

Fast jeder kann heute entscheiden wann, wo, wie lange, ob man überhaupt arbeiten und zur Gemeinschaft beitragen möchte. Per se ist das etwas Wunderbares, doch wenn eine Gemeinschaft, die auf dem Solidaritätsprinzip (neben anderen Prinzipien, wie dem Subsidiaritäts- und Personalitätsprinzip) basiert (was zumindest steuerlich in Deutschland ja noch sehr gut funktioniert im Vergleich zu anderen Staaten, in denen man von progressiven Steuersätzen noch nie etwas gehört hat oder hören will – Bsp. Russland[2]) nur noch aus Individualisten besteht, mal ganz ehrlich, wie soll das funktionieren?

Immer diese KURZ-FRIST-DENKEREI

Nun stehen wir als Gesellschaft vor einer der größten Herausforderungen und Prüfungen, die es gibt: Wir müssen Aufgaben erledigen, ohne die dafür benötigten Menschen zu haben. Nun wäre der Mensch nicht die erfolgreichste Spezies auf diesem Planeten (Erfolg ist hier Definitions-Frage und Interpretationsspielraum) und wir Personaler wären nicht eine kleine kreative Berufssparte, wenn wir nicht schon viele spannende Lösungsansätze entwickelt hätten:

– Es wird verstärkt auf die Erstausbildung gesetzt, um junge Menschen auch für  die Arbeit und nicht nur für das Studium zu begeistern (Stichwort „Verakademisierung“)

– Teilzeit-Arbeitsmöglichkeiten für den „inaktiven“ Teil der Bevölkerung – aufgrund von Familien-, Reise- oder anderen Alternativ-Auszeiten, um diese Menschen zu mobilisieren

– Altersteilzeit-Modelle und richtig spannende Programme für die Unterstützung, Wiedereingliederung und Weiterbeschäftigung von älteren Menschen, wie z. B. das großartige Senior Trainee-Programm von Lanxess[3]

Derlei Maßnahmen gibt es noch viele mehr, und das ist ein zu begrüßender Trend.

Doch, wenn wir ehrlich sind, reicht das? Wird es ausreichen weiterhin nur mit dem aktuell verfügbaren Pool an Menschen in unserer Gesellschaft zu arbeiten, planen und die Zukunft zu gestalten!?

Alle statistischen Prognosen und Hochrechnungen sprechen eine klare Sprache, die trotz allem in Politik, Bildungswesen und den Unternehmen scheinbar gekonnt ignoriert oder nur gefiltert wahrgenommen wird. Ja, die Situation ist wirklich kein Spaß mehr, es wird eng, wir werden weniger Arbeitnehmer/-innen haben. ABER: Das ist ja noch weit weg, wir müssen jetzt erst mal unsere Quartalszahlen erreichen … Viel Spaß beim Erreichen der nächsten 144 Quartalszahlen bis 2050!

Genug der ironischen Realitätsbetrachtung. Wir sollten uns mal mehr auf Lösungen konzentrieren, auf Möglichkeiten, welche die Menschen und auch die Volkswirtschaften unterstützen und helfen – auf unsere so genannten und heiß geliebten Win-Win-Situationen.

LÖSUNGSGEDANKEN – ob realistisch oder nicht – Träumen sei erlaubt…

Ein erster Grundsatzgedanke muss sein, dass wir endlich stärkeren Einfluss auf die Politik nehmen und die heutige Flüchtlings- und Zuwanderungspolitik beeinflussen. Wann werden wir endlich das Bewusstsein entwickeln, dass kein Mensch aus einem anderen Land uns noch „Arbeit wegnimmt“. Wir können dankbar sein für jeden Menschen, der/ die zu uns kommen und einfach nur in einem politisch, sicherheitsrechtlich und gesellschaftlich relativ entspannten Staat arbeiten, leben und beitragen wollen. Eigentlich ist die Situation inzwischen schon so weit, dass wir mit offenen Armen und „Begrüßungsgeld“ jeden Neuankömmling in unserem Lande willkommen heißen sollten. Aber, VORSICHT, vielleicht nimmt uns ja doch einer einen Arbeitsplatz weg …

Es gibt derzeit vielfältige Möglichkeiten Qualifizierungs- und Entwicklungsmaßnahmen über Gesellschafts-Töpfe zu finanzieren, ein Bsp. wären zum Beispiel die Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung nach §45 SGB III[4] (natürlich sind hier Staatsangehörigkeit, Bedürftigkeit etc. noch nicht vollständig geprüft und es soll nur ein erster Gedanke sein). Das erwähnte Begrüßungsgeld ist natürlich nur eine überspitzte Forderung und wird die erfolgreiche Arbeitsaufnahme auf beiden Seiten – Arbeitnehmer und Arbeitgeber – nicht gewährleisten können. Es geht um ein großes komplexes Problem, welches aber durch viele kleine und einfache Schritte angegangen und gelöst werden kann.
Mit Stolz und Freude kann ich sagen, dass wir bei der DB bereits die ersten Schritte in diesen Bereichen gehen und mit Chance Plus[5] und einem tollen Projekt gemeinsam mit dem Elb Campus in Hamburg schöne und gemeinsame Erfolge mit einigen Menschen, deren Start und bisheriger Verlauf des Lebens nicht so einfach gestaltet waren, regelmäßig feiern können.

ZURÜCK in die VERGANGENHEIT – zur Abwechslung, lernen wir doch mal etwas daraus

Haben Sie schon mal den Begriff „Gastarbeiter“[6] gehört – er hat es sogar zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag geschafft. Genau, es geht um all‘ die wunderbaren Menschen, die über sogenannte Anwerbeabkommen[7] zwischen 1955 – 1968 nach Deutschland gekommen sind, um Deutschland vor Ort und ihre Familien zuhause zu unterstützen, da es in ihren Heimatländern nicht so viel Arbeit gab, wie damals hier. Kommt Ihnen das bekannt vor? Vielleicht aus den Nachrichten die letzten Tage, Wochen oder auch Monate!? Ich glaube und hoffe, dass wir viel aus der Vergangenheit gelernt haben und auch weiter lernen können. Wir müssen uns öffnen, als Gesellschaft, als Staatsbürger und Arbeitnehmer & Arbeitgeber und ein großes herzlich Willkommen in die Welt hinaustragen. Es ist nicht mehr fern, dann sprechen wir nicht mehr nur von Gastarbeitern, sondern auch von „Gast-Azubis“. Wir müssen Jugendliche und deren Eltern bitten, eine gute und solide Ausbildung bei uns zu absolvieren, damit wir noch genügend Nachwuchs in den relevanten Berufsgruppen haben.

Auch hier bringt das Aufgaben für uns als Ausbildungsunternehmen mit sich, die in der Vergangenheit ein Stück normaler und obligatorischer Bestandteil des Ausbildens waren – als Jugendliche noch weit weg von zuhause zu „Meistern“ in die Ausbildung gingen, sie lebten dort, sie arbeiteten und lernten dort, oft gemeinsam mit den Familien den Kollegen oder in eigens eingerichteten Wohneinrichtungen. Wir können so viel aus der Vergangenheit lernen! Aber, bitte aus allen Erfahrungen lernen – nicht nur um Hilfe bitten, sondern auch lebenswerte Rahmenbedingungen erschaffen!

Um nun in der großen Fläche und für viele Menschen – und auch für viele Unternehmen – etwas Gutes und Notwendiges schaffen zu können, müssen sich viele Firmen um die relevanten Voraussetzungen bemühen. Intern – bei der Gestaltung und Etablierung von Förder- und Qualifizierungsprogrammen, Relocation- und Integrationsprogrammen (hier vor allem auch Cultural-Change-Ansätze, um die aktuelle Belegschaft mitzunehmen!), extern – mit der Einflussnahme auf Politik (Flüchtlingspolitik, Arbeitsaufnahme-Erleichterungen, Fördergeldeinsatz etc.) und Bildungseinrichtungen (Anpassung der Lehre, Anbieten von Qualifizierungskursen, Akzeptanz ausländischer Bildungs-Abschlüsse im Sekundar- und Tertiär-Bereich[8] mit Nachprüfung in den sicherheitsrelevanten Bestandteilen einer Tätigkeit etc.).

Ergo, es liegt nun an uns ALLEN, natürlich auch ganz stark an den Personalorganisationen und Experten auf diesem Gebiet, die Weichen zu stellen für integrierte Qualifizierungs- und Recruiting-Systeme, die Gestaltung und Etablierung von Programmen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, um die Arbeitsaufnahme für viele Menschen zu ermöglichen, die wir zu lange außen vor gelassen haben aufgrund von Alter, Familienfürsorge oder Herkunft.

Und falls diese minimale Aufgabe und ein paar andere unscheinbare Dinge, wie Energiewandel, Ressourcen-Schonung und Schutz der Umwelt nicht gelingen: Naja, alle Hochzivilisationen sind irgendwann untergegangen – spätestens als es Probleme mit den natürlichen Ressourcen gab. Dazu hat die NASA eine schöne Studie verfasst[9], die man sich mal in einer ruhigen Minute zu Gemüte führen kann.

Also, Ärmel hochkrempeln und los geht’s, es gibt einen Berg an Arbeit – spannende, lehrreiche, herausfordernde und so vielfältige Arbeit!



[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Ma%C3%9Fnahmen_zur_Aktivierung_und_beruflichen_Eingliederung

[5] https://karriere.deutschebahn.com/de/de/jobs/schueler/schueler-berufsvorbereitung/chance-plus/chanceplus-beschreibung/

[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Gastarbeiter

[7] http://de.wikipedia.org/wiki/Anwerbeabkommen

[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Bildungssystem_in_Deutschland

Florian Wurzer About Florian Wurzer

Florian Wurzer ist Diplom-Kaufmann und hat an der LMU in München studiert. Seit 2005 hat er vielfältige Erfahrungen in der HR-Profession - mit starkem Fokus auf Recruiting, Personalmarketing und Employer Branding - in unterschiedlichen Branchen gesammelt, von Siemens, Payback, über Danone, bis hin zur UniCredit, MICROSOFT und INTEL. Heute leitet er den Talent Acquisition Bereich der Region Süd bei der DB Mobility Logistics AG. Desweiteren ist er freier Dozent an der HS München und gibt Seminare in Projekt-, Marketing-, Event-Management und Kommunikationstrainings. Nebenbei hat er während seinem Studium 2008 begonnen große Charity-Projekte zu initiieren, unter anderem das heute größte Charity-Firmen Fussball-Turnier in Deutschland und den Münchner Geschenke-Regen. Hinzu organisiert er für Firmen auch weitere Corporate Volunteering Projekte und unterstützt soziale Einrichtungen mit Beratung, Bewerbungstraining und Fundraising.

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