Das Märchen vom Bildungssystem

Es war einmal eine Gesellschaft in einem Land mit tüchtigen Kindern, arbeitswilligen Erwachsenen und viel Selbstlob. Es wurde gedacht, alles sei gut und die Nachwuchssicherung würde nur so laufen. Doch dann tauchten Begriffe auf namens „Fachkräftemangel“ oder „War for talents“. Hilfe, was ist das denn nun, dachte man sich da doch nur. Und oh Gott, was kann man denn bloß nur dagegen machen….

So bei allem Spaß mal wieder zum Ernst. Willkommen im Wirr oder im Märchen des Bildungssystems. Die duale Ausbildung in Deutschland ist ja bekanntlich ein Exportschlager. Doch wenn das System einmal ganz genau betrachtet wird, dann haben wir uns doch mit dem Bildungssystem in Deutschland ein großes Eigentor geschossen? Was haben Schüler heute nach dem Abitur nicht alles für Möglichkeiten? Ausbildung, duales Studium, Vollzeitstudium, FSJ, FÖJ, Bundesfreiwilligendienst etc. Ach und das Ausland ist ja auch immer beliebt. Au-Pair, Work and Travel, Volunteering, etc.

Picken wir uns doch einmal die wichtigsten Möglichkeiten raus. Ausbildung, duales Studium und das Vollzeitstudium.

Welcher Schüler macht heute noch eine Ausbildung, wenn seine schulischen Leistungen für ein duales Studium reichen? Es kommen immer mehr Unternehmen um die Ecke, die sagen, „Bist du krass?“ äh, bist du gut genug, dann mach doch ein duales Studium. So wird die Zahl von Azubis stetig minimiert, die Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt und die Zahl von Bachelor-Absolventen steigt ins Unermessliche. Irgendwie ist doch heutzutage schon jeder ein Bachelor, so zumindest mein Gefühl. Und nein, nicht jeder muss auf RTL dann Rosen verteilen 😉 Zu alldem kommt noch hinzu, das bestimmte Ausbildungsberufe immer unbeliebter werden. Wer geht heutzutage noch ins Handwerk oder in das Hotel-/Gaststättengewerbe, wenn doch die großen Konzerne oder die bekannten Mittelständler mit Verträgen locken?

Nun welche Risiken birgt denn die große Menge an dualen Studenten, äh dual Studierenden, wie es ja nun heißen soll? Nach einem dualen Studium haben die Absolventen ja auch gewisse berufliche Ansprüche und wollen nicht unbedingt die Tätigkeit ausüben, für die eine Ausbildung genügt hätte. Aber Führungskräfte werden? Ja ne, dass muss ja auch nicht sein.

Betrachten wir einmal in die Zahlen vom Berufsbildungsbericht 2014:

  • Ausbildungsverträge zum Ausbildungsjahr 2013: 530.700 (Vorjahr: 551.200)
  • Unbesetzte Ausbildungsstellen zum Ausbildungsjahr 2013: 33.500 (Vorjahr: 33.200)
  • Unversorgte Bewerber in 2013: 21.000 (Vorjahr: 15.600)

Also die Zahl der Ausbildungsverträge ist gesunken (minus 3,7%) und die Zahl unbesetzter Ausbildungsstellen ist von 33.200 auf 33.500 gestiegen. Gründe? Tja, das ist eine entscheidende Frage. Die Konjunktur in Deutschland ist hierfür nicht verantwortlich, ebenfalls nicht die demografische Entwicklung, denn 2013 gab es die doppelten Abiturjahrgänge, wodurch sowohl die Zahl an studienberechtigen Schulabgängern als auch die Zahl an nichtstudienberechtigen Schulabgängern stieg. Und letzte ist DIE Zielgruppe für eine Ausbildung. Aber auch hier muss man feststellen, Realschulabschluss, Ausbildung und dann tschüss Arbeitgeber, ich gehe dann doch mal noch studieren. So ein Bachelor ist ja schon sexy, ob jetzt mit oder ohne Rose 😉

Kritisch ist aber die Zahl der unversorgten Bewerber. Diese stieg um 5.400 auf nun 21.000 an. Sind die Schüler einfach zu schlecht? Nun gut, über die schulische Ausbildung lässt sich ja auch viel Streiten, viel entscheidender, die Anforderungen der Unternehmen sind viel zu hoch!

Schauen wir jetzt einmal auf die Zahl der Schulabgänger mit Hochschulreife im Jahr 2013.

Genau 370.649 Schüler haben die Hochschulreife erlangt. Dies bedeutet eine Steigerung von 3,8% zum Vorjahr, wobei diese Steigerung auf die doppelten Abiturjahrgänge in NRW und Hessen zurückzuführen ist.

Und nun mal ein Blick auf das heiß beliebte Thema „duales Studium“.

Im Jahr 2013 gab es 64.358 dual Studierende in über 1000 (!) dualen Studiengängen. Und die Zahlen sind wachsend. Einfach die Statistik einmal wirken lassen.

duales Studium

Ganz deutlich ist zu merken, 2010 war es noch einigermaßen „ruhig“ um das Thema „Duales Studium“ und dann kam 2011 wohl ein großer Hype. Ein Anstieg von knapp 13.000 beteiligten Unternehmen, ca. 11.000 mehr dual Studierende und ein Anstieg von 200 dualen Studiengängen. Die Zahl an dualen Studiengängen wächst ohne Ende an, immer mehr Spezialisierungen werden angeboten und das obwohl die Zahl der beteiligten Unternehmen zwischen 2012 und 2013 um knapp 6000 runter gegangen ist. Jedoch ist die Zahl an dual Studierenden ganz leicht gestiegen. Ich vermute hier einmal, dass viele KMU einfach nicht mehr gegen das Angebot von Großunternehmen und Konzernen ankommt in Sachen duales Studium.

Meiner Meinung nach macht das duale Studium die duale Ausbildung in Deutschland auf Dauer kaputt und wird uns noch vor schmerzhafte Situationen stellen. Ein duales Studium ist nach 3 bis 3 ½ Jahren fertig. Der Absolvent ist dank G8 dann irgendwo zwischen 20 und vielleicht 22. Lebenserfahrung? Nicht vorhanden. Auf Dauer kann dies nicht gut gehen. Zudem begleiten zu Studienbeginn die Eltern das Kind dann noch zur Uni, da er oder sie nicht volljährig ist? Willkommen im Bildungssystem Deutschland. Schneller zur Ausbildung, schneller zum Studienabschluss, dass wird auf Dauer einfach nicht gut gehen können. Und schneller ist ja auch nun wirklich nicht immer besser 😉

Alexander Hohaus About Alexander Hohaus

Alexander Hohaus (M.sc.) ist in den Bereichen Employer Branding und Personalmarketing zuhause. Bereits in seinem Bachelorstudium der Betriebswirtschaftslehre mit den Schwerpunkten Kommunikation, Marketing und Arbeitsrecht begeisterte ihn dieses Themenfeld und er sammelte Erfahrung im HR-Bereich als studentischer Mitarbeiter bei verschiedenen Unternehmen. In seiner Bachelorarbeit erforschte er das Informationsverhalten der Generation Z in Bezug auf das Thema Ausbildung. Zum Ende seines Traineeprogramms mit Schwerpunkt Personalmarketing bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank begann er sein nebenberufliches Masterstudium in Human Resource Management, welches er im April 2017 mit dem akademischen Grad „Master of Science“ beendet hat. Seine Masterarbeit verfasste er über das Thema „Der Point of Contact im Hochschulmarketing – Eine empirische Studie zur Untersuchung der Präferenzen in der Ansprache von Studierenden“. Beruflich ist er seit März 2015 als Referent Personalmarketing bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank zuständig für die Themen Employer Branding und Personalmarketing. Er bloggt rund um die Themen Employer Branding und Personalmarketing.

Comments

  1. Die Statistik ist leider nicht aussagekräftig, da die Zahlen für ganz Deutschland gelten und es extreme regionale Unterschiede gibt. Schauen wir uns einmal den Ausbildungsmarkt in Meck-Pom an und vergleichen diesen z.B. mit dem in Bayern, so sehen wir das es in Meck-Pom deutlich mehr Ausbildungsstellen als potentielle Auszubildende gibt, ganz im Gegensatz zu Bayern.

    Erschwerend kommt die niedrige Vergütung der Auszubildenden hinzu. Selbst wenn ein junger Mensch gewillt ist für eine Ausbildung umzuziehen so ist dies ohne finanzielle Unterstützung der Eltern unmöglich. Ausnahmen bilden aktuelle Programme für Jugendliche aus dem EU Ausland, zB Spanien.

    Weiterhin haben die Arbeitgeber in manchen Branchen dafür gesorgt, dass die Jugendlichen einen großen Bogen um bestimmte Ausbildungsberufe machen, hier wären die Gastronomie und das Gesundheitswesen als Primärbeispiele zu nennen. Auch das die Prüfung der ausbildenden Betriebe seitens der IHK und der Handelskammern selten ins Detail geht und Auszubildende immer wieder an dubiose Betriebe geraten, hilft hier nicht weiter. Da ist ein guter Unternehmensname schon bei der Werbung von Nachwuchs einiges Wert.

    Nicht zuletzt ist auch die zu erwartende Entlohnung für die eigenen Anstrengungen ein wichtiger Faktor. Ein Geselle wird im Regelfall deutlich weniger Lohn erhalten als jemand mit dualem Studium. Auch sind die Aufstiegschancen bei Letzterem ungleich höher. Mit einem Bachelor lässt es sich auch leicht bewerben, vor allem im Ausland, als mit einer deutschen Berufsausbildung mit der der Rest der Welt wenig anfangen kann.

    Und noch etwas: Die Wirtschaft selbst ist im wesentlichen Schuld an der Entwicklung, denn sie propagiert seit Jahren einen angeblichen Fachkräftemangel, den es höchstens punktuell gibt. Das lässt die Jugendlichen natürlich annehmen, sie könnten als studierte Fachkräfte besonders einfach einen gut bezahlten Job finden. Das dieser propagierte Fachkräftemangel allenfalls daher rührt, dass Unternehmen nur sehr widerwillig bereit sind die steigenden Gehaltsvorstellungen der Arbeitnehmer zu bedienen, wird geflissentlich verschwiegen. Letzlich dient diese Kampange nur dazu, mehr Menschematerial als Fachkräfte auf den Markt zu bekommen um Gehälter drücken zu können.

  2. Wie schön die Turbostudenten dual durchzupeitschen. So veräppelt sich Deutschland gleich vielfach. Die Unternehmen selbt machen der dualen Ausbildung den Gar aus, die Studenten machen einem Studentenleben wie man es kennt (und auch genießen sollte) den Gar aus und am Ende hat dann keiner etwas davon. Dass so nur noch kleine Arbeitsdrohnen ohne Lebenserfahrung gezüchtet werden sagt natürlich niemand.

    Ich habe erst eine Ausbildung gemacht und im Anschluss, ausgiebig und etwas zu lange studiert. Hätte ich es anders gemacht, ich wäre nicht der der ich heute bin. Es war super, ich habe mich selbst weiter entwickeln können und vieles mit der Reifung auch anders gesehen, ich hatte davonab einfach extrem viel Spaß und bin heute selbstbewusst genug um zu bloggen und die ein oder andere evtl. nicht oppertune Meinung zu sagen. Ich hatte das mit 23 noch nicht in dem Maße gekonnt.

    Vielleicht in dem Zusammenhang auch interessant zu lesen, wie toll es als Absolvent nicht so angesehener Studienbereiche ist (trotz extrem guter Leistungen) im Deutschland des Fachkräftemangels. Mein Interview mit einer Vertreterin der Gen Y, die garnicht Gen Y sein wollte und dazu gemacht wurde. Franziska Müller auf meinem Blog: http://aussycht.blogspot.de/2014/08/perspektiven-fur-die-generation-y-von.html

    Herzliche Grüße
    Stefan nette

  3. Hallo Herr Hohaus,
    ich kann Ihre Auffassung nur teilen, es findet eine Ablösung der Ausbildung durch das Duale Studium statt und viele Unternehmen sehen zu ohne Einfluss zu nehmen ( z.B. über Ausschüsse in Handelskammern / Interessensverbände u.v.m). Es fehlt an einer gesamtheitliche, strategischen Aussage wohin Bildung sich verändern soll. Nicht nur bei der Ausbildung, das Übel liegt bereits im Bildungssystem der Schulen und wird sich wohl auch nicht ändern solange Bildung in den Händen der Länder ist und nicht einheitlich vom Bund gesteuert wird. Es ist bereits 5 nach 12 und trotzdem fehlt es bei allen Beteiligten noch an der Erkenntnis, das Individualismus und Einzellösungen schaden anstatt zu helfen.

Trackbacks

  1. […] Glückwunsch, aber wie sollte es auch anders sein, schließlich leben wir ja eh schon im „Märchen vom Bildungssystem“. Viele haben scheinbar noch immer nicht begriffen, dass sehr aktiv um die Zielgruppe […]

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