Recruiting-Events – gehasst, geliebt und oft vernachlässigt

Es hat sich, denke ich rumgesprochen, dass ich mich in letzter Zeit mit der Planung eines Events beschäftigte. Zurzeit steht, neben den ganz normalen ToDo´s, vornehmlich die konzeptionelle Gestaltung des Veranstaltungsortes ganz oben auf der Agenda. Da spätestens seit Jörg bekannt ist, dass spicken und kluges nachmachen schon okay geht und wir ja ein Recruiting-Event konzipieren liegt eine www-Suche ja auf der Hand. Wenn man dann den Begriff „Recruitingevent“ in die Suchmaschine seiner Wahl eingibt, so werden in Hülle und Fülle Veranstaltungen aufgelistet, die etwas mit „Recruiting“ und auch was mit „Event“ zu tun haben. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass sich hintern den angezeigten Hits die uns allen bekannten traditionellen Jobmessen, Recruitingtage oder Karrierevents verstecken. Sie wissen schon: Spiderpopup-Messewand (Standardausführung), Tisch davor, schnieke Give-Aways, das Ganze auf 9-12 Quadratmeter und Standpersonal, dass mit schmerzenden Füßen das Ende dieser Veranstaltungen herbei sehnt.

Sie merken hier sicher den Unterton: Das sind die Messen, die laut dem Personalmarketing-Departement sehr wichtig für die Außendarstellung des Unternehmens sind und der face-to-face Kontakt mit potenziellen Give-Away Interessenten ein wichtiger Baustein des HR-Marketing und Recruiting-Channel-Mixes ist. Auf der anderen Seite scheint mir die Begeisterung bei den Recruitern und Fachabteilungen eher auf mäßige Begeisterung zu stoßen. Warum eigentlich? Es geht hier meiner Meinung nach, neben der personenbezogenen Motivation, darum, welche Story ein Unternehmen auch auf einer Jobmesse den Besuchern mit auf den Weg geben möchte. Ich will aber in diesem Artikel nicht auf diese tageweisen hallenfüllenden Massenveranstaltungen hinaus. Vielmehr beschäftigt mich die Frage, wie speziell auf -eine oder mehrere- Zielgruppen zugeschnittene Formate konzipiert werden können. Wie können Unternehmen auf Recruiting- Veranstaltungen alleine durch ein durchdachtes Konzept und die passende Story die Werte, die Infos, die EVP visualisieren. Es geht mir dabei um Dinge „out oft he box“.

Konzert

 

Offline Recruitainment – visuelles Storytelling?

Ja, ja und ja! Karriereevents, ungeachtet der Ausrichtung, erfreuen sich bei aktiven und auch passiven Jobsuchenden einer großen Beliebtheit. Dies zeigt auch eine von uns durchgeführte Studie, die besagt, dass eine der wichtigsten Quelle bei der unternehmensbezogenen Informationsgewinnung persönliche f2f-Kontakte sind. Neben dem persönlichen Netzwerk wurden Events als Format der Wahl angegeben. Dabei fielen uns 2 Dinge besonders ins Auge: Die Messe der Wahl ist das Karriereevent des aktuellen Unternehmens. Darauf folgen Fachmessen und dann auf Platz drei die Jobmesse. Also ist hier ein erstes Lessons Learned: Interne Jobmessen sind im Rahmen dieses Formats Infopool Nummer Eins (!). Hier würde ich aber eher von Retention sprechen wollen. Unser Fokus liegt ja auf externen Events. Sicherlich finden viele dieser Events bereits statt: Im Rahmen von Talent Management Programmen oder spezifischer als Tools des Talent Relationsship Management, bei Traineeprogrammen oder auch bei sehr speziellen zielguppenspezifischen Events. Jedoch handelt es sich dabei eigentlich immer um eine vorausgewählte und somit privilegiert umworbene Gruppe an Kandidaten respektive Bewerbern. Die breite Masse, muss sich dann wieder wochenendweise durch Hallen mit Spiderpopups, im Weg stehenden Tischen…um die Gunst der Arbeitgeber kämpfen. Ist´s aber möglich, eine Veranstaltung zu konzipieren, die zum einen eine breite Masse anspricht, aber auch ganz den Brand und auch die EVP mit kulturellen Informationen eines Unternehmens transportiert? Oder ist es doch besser spezifischer und zielgerichteter vorzugehen? Hierzu habe ich mir Rat bei einem Profi geholt: Carsten Knieriem, Geschäftsführer der Kommunikationsagentur what-when-why  aus Stuttgart.

 

Carsten Knieriem, GF bei what-when-why

Carsten Knieriem, GF bei what-when-why

 

Recruitingevents – inside

Carsten, als Geschäftsührer von WWW – What When Why, einer Agentur für Live-Communication kannst du mir bestimmt vorab verraten was ihr denn eigentlich genau macht?

Klar, wir machen Unternehmen, Marken, Produkte und Philosophien nachhaltig erlebbar. Dabei übersetzen wir die Kommunikationsziele unserer Kunden so, dass Sie in Herz, Kopf und Bauch des Empfängers ankommen: authentisch, sympathisch, merkfähig. Man könnte auch ganz einfach sagen: Wenn ein Unternehmen aus der Masse der Wettbewerber glaubwürdig heraus ragen möchte, dann sind wir der richtige Ansprechpartner.

Cool, das klingt ja recht spannend. Wenn wir nun den Blick auf Recruiting Events  richten, gibt es da Trends die sich in den letzten Jahren abgezeichnet haben?

Das Thema „Recruting Events“ ist ja bekanntlich ein weites Feld, mit vielen verschiedenen Formaten. Grundsätzlich können wir aber einen Trend zu mehr Qualität in der Kommunikation beobachten. In einigen Unternehmen wurde bereits erkannt, dass deutlich mehr, besser und direkter kommuniziert werden muss, um bei der Zielgruppe auch durchzudringen. Dies gilt INSBESONDERE in den Situationen, in denen sich Unternehmensvertreter und Zielgruppe live begegnen. Immer gilt: Die Zielgruppe sollte zunächst abgeholt werden. Dann muss die Story stimmen und schlüssig erzählt werden. Und dann müssen die Elemente des Events und natürlich der Content auf die Story einzahlen. Ganz wichtig ist es, an einem bestimmten Punkt, die Erwartungshaltung der Teilnehmer geschickt zu durchbrechen: denn ohne Aufmerksamkeit keine Wahrnehmung und ohne Wahrnehmung keine neuen, motivierten und/ oder qualifizierten Mitarbeiter.

Außerdem ist zu beobachten, dass bestehende Formate hinterfragt werden und die HR-Branche auf der Suche nach neuen, modifizierten Formaten ist. (Allerdings ist hierzu anmerken, dass es auch bei den etablierten Formaten noch wirklich viel Verbesserungspotential gibt) Hier spielt auch der technologische Fortschritt eine große Rolle. Der gesamte Recruiting-Prozess wird zukünftig eingebettet sein in eine Vielzahl von onlinebasierten Tools und den sozialen Medien. Sowohl dem aktiven Sammeln und Tracken von Kontakten (Recruiting-Software, etc.), als auch den aktiven Hilfestellungen (z.B. Orientierungstests, etc.) im Vorfeld und vor Ort wird eine immer größere Bedeutung zukommen. So beginnt die Ansprache und Präferenzausbildung schon lange vor dem eigentlichen Recruiting-Event und idealerweise auch fortlaufend danach. Neue Formate werden erfolgreich sein, weil sie den Zeitgeist treffen (z.B. RecruiterSlam) und andere Formate werden sich selbst erneuern oder verschwinden (z.B. Recruiting-Messen).

Dann – als dritter großer Trend – leben wir mittlerweile eindeutig in der Zeit von Employer Branding. Nahezu alle Zielgruppen, vor allem aber die Gen Y’s sind in einer Welt von Markenversprechen groß geworden. Ihre Präferenzausbildung läuft sehr stark über dieses Thema und es lohnt sich, sich dieser Mechanik bewusst zu sein. Recruiting Events sollten dieser Tatsache ebenso Rechnung tragen. Wenn wir heute von der „Inszenierung von Recruiting Events“ sprechen, dann vor allem mit dem Ziel, dass die Stärken des Unternehmens und der handelnden Personen glaubwürdig und begeisternd vermittelt werden. Und dabei bitte nicht vergessen: Recruiting Events sind für die „zu Recruiterenden“ gedacht, nicht als Feuerwerk der Unternehmensdarstellung. Deswegen spielt bei aller markenbewußter Kommunikation, die Nahbarkeit, Glaubwürdigkeit und Authentizität der Darstellung eine große Rolle.

Gibt es Unterschiede ob man ein Massenevent plant oder ein Event, das  auf eine bestimmte Zielgruppe zugeschnitten ist? Was wäre deine Empfehlung?

Da gibt es auf jeden Fall Unterschiede. Jedoch ist eine diesbezügliche Empfehlung immer ganz klar mit der Zielsetzung des Events verbunden. Ein Massen-Event kann ja auch für eine bestimmte Zielgruppe geplant sein. Entscheidend ist, was das Event erreichen soll: Geht es zum Beispiel um Image oder geht es um qualitative Kontakte? Geht es um Azubis oder um Fachkräfte? usw..

Und die Ziele haben dann auch Einfluss auf die Art des Events dessen Planung und Durchführung.

Würdest Du für uns mal ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern und uns ein paar Tipps geben auf was man den achten muss, wenn man sich als Unternehmen „als Ganzes“ präsentieren möchte?  

Das ist eine schöne Frage! Und ich habe mir auch schon überlegt, zu diesem Thema ein Buch zu schreiben. Denn wenn sich ein Unternehmen als Ganzes präsentieren möchte, dann ist das sicherlich der „Königsweg“, aber eben auch sehr umfangreich und aufwendig. Aber hier die zehn wichtigsten Stichpunkte aus meiner Sicht:

  1. BuyIn der Geschäftsführung
  2. Ausreichendes Budget
  3. Involvierung aller Bereiche des Unternehmens
  4. Ausarbeitung der Präsentationen der Bereiche in den Bereichen
  5. Erlebbare und interaktive Präsentationen
  6. Schulung aller Mitarbeiter, die das Unternehmen repräsentieren sollen
  7. Ausrichtung der Unternehmenskommunikation (nicht nur HR-Kommunikation) auf dieses Ereignis
  8. Emotionalisierende/ Sinnstiftende Elemente einbauen
  9. Sehr viel Raum für Kommunikation
  10. Eine kompetentes, interdisziplinäres Entscheidungs- und Kontrollgremium

Wenn du mal träumen könntest, was für ein (abgefahrenes) Recruitingevent würdest du gerne mal durchführen?

Ich stelle mir mein „Traumschiff Recruiting“ vor. Unternehmen laden Bewerber auf eine Kreuzfahrt ein. Drei Tage Programm, Gespräche, Erlebnis. Stell Dir vor: Einerseits Präsentationen und Vorträge im großen Auditorium und andererseits individuelle Gesprächs-Lounges mit Deckchairs und Sonnensegeln. Da ist für jeden was dabei. Für jedes Unternehmen und jeden Teilnehmer gibt es individuelle Möglichkeiten, sich zu präsentieren und kennen zu lernen. Und am Ende viele glückliche Menschen, die wissen, was und mit wem sie zukünftig arbeiten wollen.

Prima!, da würde ich auch gerne als Teilnehmer hin. Aber jetzt mal Hand aufs Herz: Gibt’s das auch für den „kleinen Geldbeutel“ oder muss es immer die große Agenturlösung sein?

Na ja, Du hast mich halt nach meinem Traum Recruiting-Event gefragt… Aber um Dich zu beruhigen: Es gibt für nahezu jeden Geldbeutel etwas. Wobei ich auch mit dem Vorurteil aufräumen möchte, dass Agenturen immer nur „Großes“ machen. Wir machen nach Möglichkeit immer „Großes in Bezug auf die Wirkung“, das muss aber nicht unbedingt viel Geld kosten. Wir beraten und brainstormen auch sehr gerne mit unseren Kunden und dann kann man immer noch entscheiden, wie das umgesetzt wird, was man als gute Idee erarbeitet hat.

Und last but not least: viele gute Ideen gibt es auch im eigenen Haus. Diese müssen nur hervor geholt werden. Und auch dafür wurden wir schon engagiert: Das Event zur Generierung von Recruiting-Ideen.

Carsten, vielen Dank für deinen Input!

Barmixing - Recruiting Event von www, Quelle: www

Barmixing – Recruiting Event von www, Quelle: www

Recruitingevent – auch hier ist Content der King

Wir sehen also Content ist King und die Story gewinnt. Ob nun mit Hilfe einer Agentur, oder ein selbstgestricktes Konzept: wichtig ist, dass es eins gibt! So können zum Beispiel für die anfangs ein wenig abschätzig erwähnten Jobmessen durchdachte und ansprechende Formate gefunden werden, die ein Unternehmen aussagekräftig aussehen lassen. Beginnen könnte man ja schon, indem die Tische nicht frontal vor den Stand gestellt werden und somit die „Schalter-Atmosphäre“ nicht zustande kommt und die Besucher einer Messe eingeladen werden zum -gleichberechtigten- Dialog.

Es gibt bestimmt viele weitere Ideen…. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg auf Ihrem nächsten Recruiting-Event!

 

 

Michael Witt About Michael Witt

Nach meiner Ausbildung zum Tischler habe ich Sozialarbeit in Weingarten studiert und war danach 7 Jahre im Bereich der Beruflichen Fort- und Weiterbildung tätig. Dort war ich neben der Aufgabe als Seminarleiter vor allem als Koordinator für die konzeptionelle Entwicklung und Implementierung von Bildungsmaßnahmen im beruflichem Kontext verantwortlich und betreute dabei mehrere Standorte in Oberschwaben. Während dieser Zeit schloss ich den berufsbegleitenden MBA Studiengang ab und wechselte daraufhin in die Personaldienstleistung als Head of Recruiting. Seit 2013 beschäftigte ich mich in leitenden Konzern-Funktionen mit sämtlichen Facetten des nationalen und internationalen Recruitings. Dabei reichen meine Arbeitsinhalte von strategisch konzeptionellen Themen, über die Planung und Umsetzung operativer Recruiting Kampagnen bis hin zu Employer Branding und Personalmarketing.

Comments

  1. Hallo Michael,

    also durch meine Aufgabe im Personalbereich war ich die letzten Jahre eigentlich immer auf diversen Veranstaltungen unterwegs und war auch immer stets sehr zufrieden von den Angeboten. Kürzlich die HR Veranstaltung in Berlin war auch sehr interessant und ich hoffe wirklich, dass dem Bereich Recruiting in Zukunft noch etwas mehr Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird.

  2. Also ich finde solche Recruiting Spezialisten Events sind sehr sinnvoll… Voraussetzung ist das richtige Marketing im Vorfeld!

    Gruß
    Elena

  3. Christian Albat says:

    Servus Michael,
    danke für den tollen Beitrag! Wenn Du magst, gebe ich Dir Input oder stelle ich gerne mal den Kontakt zu Capgemini her – dort habe ich vor 4 Jahren die http://www.capgemini-expedition.de „entworfen“ und über 3 Jahre weiterentwickelt.
    Lieben Gruß
    Christian

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