Stell dir mal vor es ist Arbeiten 4.0 und keiner macht mit!

Die nächste industrielle Revolution steht untermittelbar bevor oder ist derzeit bereits in vollem Gange. Unter dem Namen „Industrie 4.0“ schreitet sie voran und nimmt im Rahmen der Digitalisierung unaufhaltsam Kurs auf unsere Arbeitsweise und somit auch auf bestehende Berufsbilder. In welchem Stadium wir uns derzeit befinden, lässt sich nicht so genau greifen.

Es scheint aber so zu sein, dass einhergehend mit der Industrie 4.0 bestehende Arbeitsweisen und Arbeitsanforderungen ebenfalls eine Neuorganisation benötigen. Dies wird Land auf, Land ab unter den Schlagworten „New Work“ oder auch „Arbeiten 4.0“ diskutiert. Somit haben wir aus Sicht des Recruitings und auch des Personalmarketings nicht nur sich wandelnde Rahmenbedingungen von Arbeit zu berücksichtigen sondern auch eine sehr heterogene und auch diffuse Zielgruppe zu bedienen.

„Think Different“, K-T-P

„Think Different“, K-T-P

 

Der Wandel der Arbeit

Es dürfte mittlerweile klar sein, dass wir in einer Informations- und Wissensgesellschaft leben. Hier arbeiten wir mit Hochdruck daran, dass uns Maschinen verstehen, unser Wissen annehmen und in einer, ich glaube nicht mehr allzu fernen Zukunft eigenes Wissen generieren. Auf dem Weg von der vergangenen Arbeitsgesellschaft hin zur unserer heutigen Arbeitsform, die sich vornehmlich durch den technischen Fortschritt begründet, hat sich auch ein Strukturwandel der Arbeit ergeben. Ein zentrales Element dieser Entwicklung ist die Fokussierung und Integration der kundenspezifischen Produktion von Waren und Dienstleistungen in die Arbeitsabläufe und Arbeitsweisen. Durch diesen Wandel werden neue Anforderungen an die Arbeit gestellt und neue Einflussfaktoren wirken darauf ein: Eigenverantwortung, Selbstorganisation und Mobilität sind dabei einige der genannten Stichpunkte. Durch die Veränderungen der grundlegenden Organisation von Arbeit bilden sich ebenso neue Arbeitsformen aus: Leane Arbeit, Teamwork und Arbeitsgruppen nehmen Einzug in den Wertschöpfungsprozess. Im Rahmen der „New Work“ Debatte werden fluide Arbeitsweisen als Kernelement diskutiert. Des Weiteren nimmt die genannte Digitalisierung und Weiterentwicklung (vermeintlich) modernder Arbeitsformen auch Einfluss auf externe Faktoren und Rahmenbedingungen von Arbeit: Zeitarbeit und kaum überschaubare Ausbildungsberufe haben sich in den letzten Jahren als bedeutende Faktoren herausgebildet. Derzeit kann noch kein klares Bild des zukünftigen Arbeitens gezeichnet werden. Es lassen sich aber große Varianzen einzelner Ausbildungen, Arbeitsbedingungen und in unternehmensseitigen Qualifikationsanforderungen erkennen. Unterschiedlichste Zeit- und Beschäftigungsformen erhalten Einzug und Arbeiten wird nicht nur mobil werden, sondern fluid. Grenzen sind nicht mehr erkennbar.

„Schiff“, K-T-P

„Schiff“, K-T-P

Der Einsame Weg – Wandel der Erwerbsbiografien

Auch wenn die meisten Arbeitsergebnisse in einem Team oder in einer Arbeitsgruppe und weniger in reiner Einzelleistung erbracht werden, so ist jeder für seine eigene berufliche Laufbahn verantwortlich. Ein Blick zurück in die Vergangenheit zeigt uns, dass dort berufliche Werdegänge stark normiert und geregelt waren. Die Berufsverläufe waren durch drei klar voneinander getrennte Phasen gekennzeichnet: Ausbildung, Erwerbstätigkeit und Ruhestand. Daraus entstanden normierte und vorbestimmte Karrieren. Die Verweildauer in den Betrieben war nahezu ein Leben lang und Unternehmenswechsel kamen somit nur sehr selten vor. Man spricht hier von sogenannten „Normalerwerbsbiografien“. Durch den oben beschriebenen Wandel von Arbeit werden berufliche Wege deutlich flexibler und unvorhersehbarer. Dynamische Zeiteinteilung, verschwimmende Grenzen von Beruf und Freizeit und die teilweise drastisch gesunkenen Verweildauern in Unternehmen -mitunter auf unter 3 Jahre- nehmen deutlichen Einfluss auf die eigene Berufswahlentscheidung und -ausübung. Der technische Fortschritt macht das Arbeiten von überall möglich und heutige Arbeitnehmer nehmen sich auch gerne einmal eine Auszeit um zu Reisen oder sich fortzubilden. Ebenso sind Karrieresprünge in völlig fremde Arbeitsgebiete nicht mehr die Ausnahme und die selbständige Arbeit nimmt erkennbar zu. Auch wenn diese Sachverhalte mittlerweile als gegeben angenommen werden können, so wird das Arbeiten 4.0 noch weitere und weitreichendere Veränderungen bereithalten. Deutlich wird diese Richtung schon jetzt: Neue Berufsbilder, die diesen Arbeitsformen Rechnung tragen etablieren sich und die Frage, was denn so ein Social Media Manager macht, konnten immer mehr Unternehmen für sich beantworten. IT- und Softwarelösungen machen das altbekannte Büro nahezu überflüssig und Meetings finden online oder mittels Virtual Reality statt. Die Weichen sind also gestellt. Aber, machen denn da alle mit?

Marcel Grünelt, K-P-T

Marcel Grünelt, K-P-

Vom Digital Künstler und fahrenden Brotbäcker

Im Rahmen unserer Vorbereitungen des RecruiterSlams 2015  habe ich Marcel Grünelt von K-T-P kennengelernt. Marcel hat uns das Design und vor allem das Logo des Slams gemacht. In unseren Gesprächen erfuhr ich, dass Marcel selbstständiger Digital Künstler ist. Also einen Beruf ausübt, der ja wie die Faust aufs Auge in unsere „neue“ Zeit passt. Als ich dann ein paar Wochen später eine Like-Anfrage für eine Facebook-Fanpage namens „Knusperhäuschen“ erhielt, dachte ich, da muss ich bei nächster Gelegenheit mal genauer nachfragen. Dies war mir während des Schützenfestes in Biberach möglich, auf dem Marcel seine eigene Getränkekreation „Schützenwasser“ unters Volk brachte.

Hallo Marcel, schön dass es klappt! Da wir uns zum Thema „Erwerbsbioagrafien“ unterhalten würde ich dich doch kurz einmal bitten dich vorzustellen und uns deinen Werdegang kurz vorzustellen.

Mein Name ist Marcel Grünelt, ich bin mittlerweile fast 30 Jahre alt und komme aus Biberach an der Riß. 2007 gründete ich mein Label Khaoz Terror Productionz was später zu KTP (Kunst Traum Produktion) wurde da sich sowohl meine Wenigkeit als auch die Art meiner Bilder sich stark änderten und ich mich stark von dem Wort Terror abwenden wollte.

Meinen Werdegang…Den werde ich hier lieber mal nicht ganz aufzählen 😉

Aber ca. 2003 habe ich begonnen mich immer mehr mit der Bildbearbeitung zu beschäftigen. Anfangs noch nicht selbst fotografierte Bilder elegant verfremdete und für versch. Events Flyer gestaltete. 2 Jahre später begann ich dann auch schon mit den ersten Mittelaltermärkten und Weihnachtmärkten mit der Bäckerei herum zu reisen. 2009 habe ich nebenher eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann in einem Gothicshop (Schleichwerbung „Wonderland 13“ in Ulm) abgeschlossen…Bats Forever!!

Obwohl ich den Laden und die Leute liebe…musste ich meinem Herzen folgen, und das schickte mich unmittelbar danach wieder fest zu der Bäckerei. Die Digitalkunst hatte in dieser Zeit keine Pause.

Cool, danke! Da ist ja allerhand Bewegung bei dir drin. Ich habe dich ja während unserer Vorbereitungen zum Slam kennengelernt und da erfahren, dass du Digital Künstler bist. Hilf‘ mir mal und erklär was denn ein Digital Künstler macht?

Digitalkunst im Großen und Ganzen bedeutet Kunst Digital, also mit dem Computer, zu erschaffen. Das geschieht meist im Bereich Foto, Video und Ton. In meinem Fall der Digitalkunst / Medienkunst habe ich begonnen meine Träume wahr werden zu lassen. Da ich leider kein begabter Zeichner bin aber meine Gedanken und Gefühle anschaulich machen wollte griff ich zu dem Computer. Durch diese Art von Medium gibt es sehr viele verschiedene Techniken seine Kunst individuell zu gestalten. Über die Jahre lernt man schließlich das ein oder andere. Unter anderem nutze ich gerne das Medium „Video“ denn dort kann man einfacher eine Geschichte erzählen. Ob das Musikvideos oder einfach nur Brainstorming-Videos sind. Auch hier hat man sehr viel kreative Offenheit die den Betrachter zum Nachdenken anregen können.

Spannend! Und da hast du dich von Anfang an Selbstständig gemacht? Gab es keine passenden Arbeitgeber für dich?

Da ich mir all das selbst beigebracht habe und weder Kurse noch ein Studium besucht habe ist das leider nicht so einfach. Privatschulen dafür sind leider sehr teuer und ohne den Bürokratischen Nachweis ist es wie erwähnt nicht sehr einfach. Allerdings bereue ich das nicht besonders, da ich denke, wenn man dies jeden Tag ausübt einem früher oder später doch die Kreativität etwas verloren geht. Daher bin ich froh dies als Hobby zu betreiben und doch damit mir einen Namen gemacht zu haben.

Aber besonders interessiert mich ja, was es sich mit dem „Knusterhäuschen“ auf sich hat. Was ist das?

Das Knusperhäuschen (LINK) ist eine Mittelalterliche Holzofenbäckerei. Mit dieser backen wir oberschwäbische Dinnede, Seelen und leckeres Holzofenbrot. Ab und an bekommt man sogar frisch gebackenen Kuchen von uns 😉 Mittlerweile habe ich wohl in den letzten 10 Jahren auch schon über 60 versch. Städte in Europa damit besuchen können. Vorwiegend in Deutschland und der Schweiz. Zu der Bäckerei kam ich vor ca. 10 Jahren. Sie gehört bzw. betreibt der Vater eines alten Freundes. Glücklicherweise kann ich den Chef der Bäckerei heute selbst einen sehr guten Freund heißen. Wenn man so lange Zeit, 60 Std. am Stück miteinander ist, lernt man sich sehr gut kennen 😉

D.h. du hast dich bewusst entschieden, deine Digitale Kunst ein wenig in den Hintergrund zu stellen und dich einem Handwerk zu widmen? Welche Gründe waren dafür ausschlaggebend?

Nun…man sagt ja so schön das Kunst oft eine „Brotlose Kunst“ sei. Dann dachte ich, ich hole mir mein Brot anders…was liegt da näher als eine Bäckerei. (lach)

Im Ernst, es ist wichtiger als ich früher dachte einen festen Job zu haben. Nicht nur wegen versch. Absicherungen sondern auch um eine besondere Art der Erfüllung zu erleben. Ich habe das Glück meinen Job mit Herz und Liebe auszuüben und das Selbe gilt für meine Digitalkunst, die sehr viel von meinem Job inspiriert wird, da ich viele Neues sehe und auch viele verschiedene Menschen kennenlernen darf. Ich möchte beides nicht mehr missen müssen.

Marcel, Vielen Dank! Ich denke man sieht hier exemplarisch an dir sehr schön, was sich in den letzten Jahren geändert hat: Berufliche Werdegänge unterliegen verschiedensten Einflüssen und können auch zwischen Hobby und Beruf wechseln.

Das Knusterhäusschen

Recruiting im Spannungsverhältnis 4.0

Wenn wir nun wieder unseren Blick auf das Recruiting richten, dürfte deutlich geworden sein, dass wir nicht nur eine Diskussion über das Arbeiten 4.0 benötigen, sondern dass wir auch Recruiting grundlegend auf den Prüfstand stellen sollten. Wir können uns fast sicher sein, dass in den nächsten Jahren noch Veränderungen auf uns zu kommen, die auf ökonomischen und technischen Trends basieren. Gesellschaftliche Veränderungen und ein Fortscheiten der Flexibilisierung von Arbeit werden auch das zukünftige Recruitingeschehen beeinflussen. Nicht nur neue Berufsbilder, die auf unterschiedlichsten Kanälen angesprochen werden wollen, müssen rekrutiert werden sondern die Verweildauer in Unternehmen wird sich denke ich noch weiter reduzieren und sich im Rahmen individueller Projekt(mit)arbeit zeigen. Einen Einblick wie dies aussehen könnte schreib hierzu Robindro Ullah in seinem Artikel „Affären statt Ehen“. Die Steigerung des eigenen Marktwertes der Arbeitnehmer wird ein weiterer wichtiger Aspekt werden den Unternehmen in der Ausgestaltung und Organisation von Arbeit berücksichtigen müssen. Das eigene Karrierestreben einhergehend mit der eigenen selbstbestimmten Unabhängigkeit in Beruf und Freizeit wird den zukünftigen Arbeitsmarkt bestimmen. Und schlussendlich werden sich Dinge entwickeln und herauskristallisieren, von denen wir zum heutigen Zeitpunkt nicht wissen können. Ich bin sehr gespannt in welche Richtung sich die Personalarbeit und im speziellen Recruiting ändern wird

Michael Witt About Michael Witt

Nach meiner Ausbildung zum Tischler habe ich Sozialarbeit in Weingarten studiert und war danach 7 Jahre im Bereich der Beruflichen Fort- und Weiterbildung tätig. Dort war ich neben der Aufgabe als Seminarleiter vor allem als Koordinator für die konzeptionelle Entwicklung und Implementierung von Bildungsmaßnahmen im beruflichem Kontext verantwortlich und betreute dabei mehrere Standorte in Oberschwaben. Während dieser Zeit schloss ich den berufsbegleitenden MBA Studiengang ab und wechselte daraufhin in die Personaldienstleistung als Head of Recruiting. Seit 2013 beschäftigte ich mich in leitenden Konzern-Funktionen mit sämtlichen Facetten des nationalen und internationalen Recruitings. Dabei reichen meine Arbeitsinhalte von strategisch konzeptionellen Themen, über die Planung und Umsetzung operativer Recruiting Kampagnen bis hin zu Employer Branding und Personalmarketing.

Comments

  1. Hallo Zusammen,

    Ich finde, dass der Arbeitnehmer der Generation Y sowieso schon seinen Marktwert kennt und aus diesem Grunde wird es zukünftig weiterhin für die Unternehmen schwer bleiben, an den für ihn speziellen Mitarbeiter heranzukommen. Ich denke das liegt aber nicht nur an der AN Seite, sondern auch auf der AG Seite. Dieser weiß nämlich auch ganz genau, welcher Mitarbeiter zu ihm passt und genau aus diesem Grunde, weil beide eine genaue Vorstellung davon haben, suchen sie die Nadel im Heuhaufen.

    Gruß
    Recruiting München

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