Weich war gestern: Die knallharte Seite von Unternehmenskultur

Nachdem ich mich neulich eher in der HR-Antike herum getrieben habe, hier nun ein Beitrag zu einem (zumindest historisch) erheblich aktuelleren Thema. „Slow down, you move too fast“ –
manchmal habe ich den Eindruck, Paul Simon meinte u.a. die Art und Weise, wie wir Informationen wahrnehmen, die bei uns so durch tickern. Beinahe täglich wird eine neue Sau Studie durchs digitale Dorf getrieben, die uns mit ihren bahnbrechenden Erkenntnissen erklärt, wie die Zukunft von HR ausschaut. Heute habe ich eine (deutsche!) Studie im Gepäck, die was über den Zusammenhang von Unternehmenskultur und Unternehmenserfolg – in harten Euro – weiß. Die Studie ist, halten Sie sich fest, knapp 10 Jahre alt.

Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Warum kommt er denn jetzt mit dem alten Käse um die Ecke??? Ganz einfach: Die Studie kann auf empirisch erstaunlich breiter Basis etwas zu einer aktuellen Debatte beitragen, verträgt etwas mehr Aufmerksamkeit und liefert HR dringend benötigte Argumente. Und im Sommerloch darf man sowas.

Das ehrenwerte Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat 2007 (da feierten gerade der VfB Stuttgart die deutsche Meisterschaft und der 1.FC Nürnberg den Pokalsieg) untersuchen lassen,
inwiefern Unternehmenskultur, Mitarbeiter-Engagement und finanzieller Erfolg von Unternehmen zusammenhängen. Von der Wirkmacht der Unternehmenskultur liest man ja öfter (u.a. hier), oft sind das aber primär Erkenntnisse aus amerikanischer Forschung. Zugegeben: Bei „amerikanische Forscher haben herausgefunden“ muss ich ja instinktiv immer zusammenzucken.

In diesem Fall haben sich 37.000 Mitarbeiter von 314 deutschen Unternehmen an einer Untersuchung beteiligt. UND: Man betrachtet die Wirkung auf die EBIT-Marge, nicht den Börsenkurs; wobei man letzteren ja üblicherweise nicht so sehr selbst in der Hand hat. Also in meinen Augen durchaus mal einen Blick wert.

Unternehmenskultur verdient Geld. Echtes Geld.

In harten Zahlen: 31% des finanziellen Erfolgs deutscher Unternehmen gehen auf das Konto der Unternehmenskultur. 31%! Fast jeden dritten € verdienen Unternehmen also nicht über Preis,
Marketing, etc., sondern über ihre kulturelle DNA. Oder halt nicht.
Im Detail heißt das: Die Studie hat zwischen Mitarbeiter-Engagement und Unternehmenserfolg eine Korrelation von r=0,32 belegt, die erlebte Unternehmenskultur wirkt auf Mitarbeiter-Engagement (das im Modell eine vermittelnde Funktion einnimmt) wiederum mit r=0,87. Die Regressionsanalyse spuckt dann für den Einfluss von Unternehmenskultur auf den Unternehmenserfolg ein R²=0,31 aus. Da sind sie, die 31%. Besonders stark schneiden in der Untersuchung diejenigen Aspekte von Unternehmenskultur ab, die sich mit „Mitarbeiter-Orientierung“ umschreiben lassen, also Identifikation, Teamorientierung, Förderung der beruflichen Entwicklung sowie faires Miteinander. Wer noch ein bisschen mehr Zeit investiert, erfährt beim Lesen der Studie noch einiges über die soziologisch zerlegten Ergebnisse und Einfluss von Kultur auf Fluktuation (wenig) und Krankheitsquote (keiner). Weiterlesen lohnt sich also.
Über einen Benchmark der branchenspezifischen EBIT-Margen konnte auch belegt werden, dass diejenigen Unternehmen am besten performen, die das Engagement der Mitarbeiter als wichtigsten
Wettbewerbsfaktor bezeichneten. „Der Mensch steht im Mittelpunkt“ hat also einen betriebswirtschaftlich wahren Kern – wenn man das Diktum denn ernst nimmt. Schön, wenn Empirie
Bauchgefühl und Erfahrung bestätigt.

Hart, härter, HR.

Ihr Chief Happiness Officer spielt also ein Drittel des jährlichen Gewinns ein. Den gibt’s bei Ihnen nicht? Das macht HR? Glückwunsch!
Mit Ihren Maßnahmen zur Förderung von Mitarbeiter-Engagement und Unternehmenskultur haben Sie ein ausgesprochen mächtiges Werkzeug in der Hand). Und jetzt auch harte Zahlen, falls sich das Board nur so überzeugen lässt. Nix mehr mit Softie-Thema Kultur. Jetzt sicherheitshalber noch die GenY und „agile“ in die Unterlage basteln, dann läuft das! „Mächtiger“ ist da nur noch virales
Marketing. 😉
Sie wissen aber noch gar nicht so richtig, wie es um Ihre Unternehmenskultur bestellt ist? Da gibt es Tools, die bei der Analyse helfen: Hier sehr schön von Herwig Kummer in einer kleinen Serie
vorgestellt. Über das, was wir bei uns selbst zum Thema Unternehmenskultur machen, habe ich bei der „Recruiting Summer Academy“ von Wolfgang Brickwedde einiges erzählt. Und im Rahmen der Zukunft Personal gibt’s dazu ne Fortsetzung.
Also: Alles alter Käse? Oder doch nicht? Manches veraltet nicht. Es reift. In diesem Sinne…

Stefan Reiser About Stefan Reiser

Wenn ich zurückdenke, bin ich wohl zu HR gekommen, weil mir in meinem Diplom-Pädagogik-Studiengang etwas langweilig war. Also gibt man sich noch ein paar Vorlesungen und Seminare bei den Wirtschaftswissenschaften. Inzwischen bin ich seit 5 Jahren Personalreferent bei der Lechwerke AG, einem regionalen Energieversorger in Augsburg und zugleich RWE-Tochter. Dort kümmere ich mich ums Employer Branding und Personalmarketing. Weiterhin jongliere ich noch Personalcontrolling-Themen und bin unser Mitarbeiterbefragungs-Zaubermeister. Themen, die mich begeistern: Unternehenskultur, Sprache & Semantik, Recruiting auf Augenhöhe, Mitdenken 4.0
Privat sieht man mich in Bewegung, sobald man mir beliebigen Ball zuwirft bzw. -schießt, es Schnee auf den Bergen hat oder mein Sohn unvorhergesehene Dinge tut. Mehr von mir zu lesen gibt es insbesondere auf Twitter, hin und wieder auch auf XING.

Comments

  1. Ich muss mit dem Beitrag nur zustimmen!

  2. Hach, wie schön… 10 Jahre alt und immer noch brandaktuell. Schon seltsam in einer Zeit, in der angeblich alles nur von kurzer Dauer ist. Das die Unternehmenskultur (und damit wohl auch das Thema Mitarbeiterzufriedenheit) eine direkte Auswirkung auf den Unternehmenserfolg haben kann ist tatsächlich ein alter Hut. Das wir immer noch darüber dabatieren hat auch seine Gründe, denn es ist doch so:

    Die Veränderung der Unternehmenskultur ist ein Prozess, der sich gut und gerne mal ein Jahrzehnt ziehen kann. Leider ist die Halbwertszeit der C-Suite (Jaja, sorry…) und von Vorständen deutlich niedriger. Deshalb wird mal flux die Kantine rosa gestrichen, Kicker auf- und ein Feel Good Manager eingestellt. Letzterer darf dann das Ding mit der Kultur ausbaden. Zack, Problem gelöst. Ich habe jemanden zwischen mich und mein „Problem“ gestellt.

    Wer sich seinem Unternehmen nicht in irgendeiner Art und Weise verbunden fühlt, hat kein Interesse an solch‘ langfristigen Angelegenheiten den die Früchte solcher langfristigen Angelegenheiten werden geerntet, wenn das damalige Unternehmen an ditter Stelle im Lebenlauf auftritt.

    p.s. Schön geschrieben 😉

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