UngeheuHR. Ein Horrorthriller.

And now for something completely different. Hier kommt ein Phänomen, das jüngeren Personaler*innen annähernd unbekannt sein dürfte: Ein mysteriöses Es – dunkel, rotäugig, schwefel- und rauchumwabert, geheimnisvoll, furchteinflößend. Personaler, nehmt Euch in Acht vor

DER REZESSION.

Es ist schon komisch. Seit nunmehr 8 Jahren kennen Konjunktur, Arbeitsmarkt und Börse nur eine Richtung: Nach oben.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass es jedes Jahr mehr Stellen zu besetzen gibt und Fachkräfte immer knapper werden – schon mittelbrilliante Kandidaten können seit einiger Zeit mit Angeboten rechnen, die noch vor ein paar Jahren nicht denkbar waren. Fachbereiche entwickeln zwangsläufig mehr Demut gegenüber Kandidaten und ihren Wünschen an den Arbeitgeber – was ja grundsätzlich zu begrüßen ist. New Work hätte ohne diesen in seiner Konstanz selten gesehenen Aufschwung und die Machtverschiebung auf dem Arbeitsmarkt sicher nicht so viel Beifall von Unternehmensseite erhalten.

Auch wenn die Zahlen der Jobboards zu offenen Stellen das (noch) nicht zeigen: ich denke, es gibt erste ernst zunehmende Anzeichen dafür, dass sich nächstes Jahr ein Richtungswechsel anbahnen könnte. Für Unternehmen, Personaler und insbesondere Arbeitnehmer könnten ungemütlichere Zeiten anstehen. Im Folgenden nun eine kleine Herleitung, was mich in Bezug auf eine mögliche Rezession ins Grübeln bringt. Und etwas Nachhilfe für alle, die bislang ausschließlich das konjunkturelle Schlaraffenland der letzten 8 Jahre kennen.

 

Es gibt einige Indizien, die seit einigen Monaten meine Befürchtung nähren, dass wir eine Korrektur / konjunkturelle Delle / Rezession (you name it) vor uns haben könnten:

ZEW-Konjunkturerwartungen

„Die Einschätzung der konjunkturellen Lage hat sich sowohl für Deutschland als auch das Eurogebiet erheblich verschlechtert. Dies deutet auf ein relativ schwaches Wirtschaftswachstum im vierten Quartal hin. Die Unsicherheiten wie etwa der schwelende internationale Handelskonflikt und der Brexit, die vor allem die privaten Investitionen und die Exporte Deutschlands negativ beeinflussen, bleiben nach wie vor bestehen.“ So kommentiert der ZEW-Präsident Prof. Achim Wambach im Dezember die aktuellen Konjunkturerwartungen für Deutschland und die EU. Der Konjunktur-Optimismus der deutschen Wirtschaft und Finanzmarktexperten hält sich schon einigen Monaten erheblich in Grenzen. Im Moment gehen neben der kritischen Einschätzung des aktuellen Jahres aber v. a. die Erwartungen für 2019 erheblich zurück – sowohl für Deutschland als auch die Eurozone.

Handelskrieg China-USA

Die wirtschaftspolitischen Auseinandersetzungen zwischen China und Individuum Nr. 1 sind mittelfristig ein Fall für Hollywood, spätestens nach der Festnahme der Huawei-Managerin Meng Wanzhou. Aber schon jetzt ist klar: Trumps Zollpolitik schadet durch höhere Einkaufspreise auf Rohstoffe und andere Importprodukte, die für die globalen Wertschöpfungsketten (auch amerikanischer Unternehmen) unerlässlich sind, in erster Linie der US-Wirtschaft selbst.

Zinsniveau in den USA

Analog zu Wirtschaftswachstum und steigender Inflation hat die FED in den letzten 3 Jahren die Leitzinsen immer weiter erhöht, inzwischen auf über 2%. An sich nicht bedrohlich, sondern eher die Rückkehr zur Normalität. In den letzten Wochen lohnte aber insbesondere der Blick auf die Rendite der US-Staatsanleihen: Hier überstieg die Rendite der 2-jährigen Anleihe die der 5-jähigen. Anleger suchen also vermehrt einen auf 5 Jahre sicheren Hafen für ihr Geld – kein gutes Zeichen für die nordamerikanischen Konjunkturerwartungen. In der Vergangenheit hat eine solche „inverse Zinskurve“ oft eine Rezession nach sich gezogen.

Inflation

Die Eurozone hat im Oktober erstmals seit vielen Jahren den EZB-Zielwert überschritten. 2,2% sind als solches noch nicht dramatisch – weitere Steigerungen könnten aber den Druck auf die Europäische Zentralbank erhöhen, die Leitzinsen kurzfristiger anzuheben, als ihr das selbst lieb wäre. Die Finanzierungskosten für Unternehmen und ihre Investitionen würden also zusätzlich steigen.

Der Ölpreis

Der Ölpreis hat in den letzten 10 Jahren, insbesondere durch fracking und politische Einflussnahme, eine richtige Achterbahnfahrt hingelegt. Nach 3 Jahren stetigen Anstiegs hat der Preis für die Ölsorte Brent seit Anfang Oktober aber einen richtigen Absturz hingelegt: von 85$ auf 60$ in 2 Monaten. Das ist nur durch erhöhte Fördermengen nicht zu erklären – hier gibt es auch ein Problem auf Nachfrageseite. Hartgesottene können sich mal die Konjunkturprognosen für China anschauen.

Brexit

Ach, der Brexit, was sag ich da noch. Drama, Baby, Drama. Stay tuned for more imperial nonsense.

 

Ja, die Arbeitsmarktzahlen sind immer noch großartig. Und nächste Woche ist Weihnachten, es wäre also eher Zeit für den versöhnenden Jahresrückblick. Eigentlich bin ich gar nicht so der Crash-Prophet – aber mit Blick auf 2019 und das, was auf der anderen Seite des Atlantiks täglich an Unsinn und Eskalationen droht, habe ich Bauchschmerzen. Könnte gut sein, dass wir nächstes Jahr in Summe mehr Arbeitsverhältnisse aufheben als neu schließen und so manches größere Unternehmen in eine Restrukturierung oder Insolvenz geht.

Kommt das so? Nicht zwangsläufig. Aber wir sind in HR gut beraten, unsere Toolbox für die schlechten Zeiten aus dem Keller zu holen, alles gut zu ölen und schon mal in Griffweite zu haben. So eine volkswirtschaftliche Bremsspur – die ich uns beileibe nicht wünsche – kann schneller kommen, als man denkt. Auch 1999 und 2008 hat sich das für den durchschnittlich Informierten nicht angekündigt. Es ging mit Vollgas in die Mauer.

Also wagen wir mal das Gedankenexperiment:

Was hieße eine Rezession denn nun für HR und insb. Talent Aquisition?

Es braucht kurzfristig weniger von uns.

Hart, aber wahr. Wenn in einer Konjunkturdelle weniger rekrutiert wird, gibt es weniger Jobs für Recruiter. Frühzeitig thematisch nach links und rechts zu schauen (oder in eher krisensichere, da antizyklische Branchen), könnte sich also lohnen.

Die Budgets für Recruiting und Employer Branding schrumpfen.

Es käme die Zeit, in der sich diejenigen besonders auszeichnen, die kreativ sind und auch mit kleinen Budgets großartiges erreichen sowie diejenigen, die mit Daten belegen können, warum sie was tun und welchen Beitrag das leistet.

Das Machtverhältnis auf dem Arbeitsmarkt normalisiert sich.

Das ist die gute Nachricht für die, die noch rekrutieren: es gäbe bessere Kandidaten fürs Geld und es wäre so mancher Glücksgriff dabei – denn die richtig Guten gehen in kriselnden Unternehmen erfahrungsgemäß gerne zuerst.

Performance Management wird wieder wichtig.

Wo man in den letzten Jahren in Fachabteilungen froh war, überhaupt jemanden zu haben, der den Job passabel erledigen kann, wechselt nun der Fokus: Wo Arbeit weg fällt und Teams kleiner werden, stellt sich zwangsläufig die Frage, wer den größeren Beitrag leistet – und wer halt eben nicht. Das ist nicht lustig, gehört aber genauso zum Auftrag von HR. Erst bei schlechtem Wetter zeigt sich, was wirklich hinter den gerühmten und prämierten Unternehmenskulturen sowie professionellem people management steckt.

Hoher Kostendruck in allen HR-Disziplinen.

Ihr habt Euch schon seit Jahren den Mund fusslig geredet, die man diesen oder jenen Prozess effizienter gestalten könnte? Hier kommt Euer Einsatz: Wenn ihr kein Budget braucht, mit dem man eine bemannte Mondlandung finanzieren könnte, ist jetzt die Zeit für Automatisierungsprojekte in HR. Aber: Gerade in Konzernen grüßt gleichzeitig das Thema Internationalisierung, also Verschiebung in low cost – Länder (und ist gerne die vermeintlich leichtere Lösung für das Problem).

 

Das ist schon ein gehörig anderes Lied, das wir da in HR singen müssen. Drücken wir mal die Daumen, dass wir uns auf den Barcamps des Jahres 2019 nicht nur mit solchen Themen befassen müssen. Ich hoffe, ich hab Ihnen und Euch die Laune nicht allzu sehr verdorben. Ich wünsche Euch und Euren Liebsten ganz großartige, ruhige und erholsame Tage. Kommt gut ins neue Jahr; wir lesen uns.

Stefan Reiser About Stefan Reiser

Wenn ich zurückdenke, bin ich wohl zu HR gekommen, weil mir in meinem Diplom-Pädagogik-Studiengang etwas langweilig war. Also gibt man sich noch ein paar Vorlesungen und Seminare bei den Wirtschaftswissenschaften. Nach einer ausgiebigen Station als Referent für Employer Branding der Lechwerke AG (Energieversorger im RWE-Verbund) bin ich aktuell HR Business Partner für R&D und global functions bei Faurecia, einem der fünf größten Automobilzulieferer weltweit.
Privat sieht man mich in Bewegung, sobald man mir beliebigen Ball zuwirft bzw. -schießt, es Schnee auf den Bergen hat oder mein Sohn unvorhergesehene Dinge tut. Mehr von mir zu lesen gibt es insbesondere auf Twitter, hin und wieder auch auf XING.

Comments

  1. Könnte passieren, aber genau so wie die Rezession immer eintreten kann, kann sie auch immer ausbleiben. Die Erfahrung lehrt mich zwei Dinge:

    1. Rezessionen treten ein wann Sie wollen, weder wenn Sie herbeigeunkt werden, noch wenn Sie ausgeschlossen werden. Es passiert immer dann wenn keiner einen Plan hat, das es passiert und aus welchem Grund es passiert. Propheten „die ja schon so lange davor gewarnt haben“ gibt es immer, geholfen hat das nie.

    2. Man sollte das „Doofe HR-Aufgaben“ Kit immer griffbereit haben. Einmal stand ich an der Schwelle zum Sozialpläne schreiben und Kurzarbeit anordnen in einem konjunkturell hervorragenden Jahr, ein weiteres mal war es ähnlich, einmal weil nicht immer alles so läuft wie man es sich wünscht, einmal dank einer Fusion in deren Rahmen ich selbst weiter ziehen musste.

    Die unschöne Arbeit gehört zu jedem Job, nur in unserem Fall ist sie leider wirklich nicht allzu erfreulich… Passieren kann das dennoch immer, wer etwas anderes denkt ist ziemlich naiv. 😉

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