Das Du am Arbeitsplatz – muss, kann, soll? Würden Sie duzen oder würdest du siezen?

Sie, Herr Lukas, können Sie mir kurz helfen? Und schon wurde ich wieder Opfer eines Semi-Duzers. Aber nicht weil die Person meinen Nachnamen mit meinem Vornamen verwechselt hat (obwohl mir auch das schon passiert ist), sondern weil der Kollege unsicher ist, wie er mit dem Thema Duzen oder Siezen umgehen soll. Zugegeben, manchmal ist es auch einfach der Thematik zu begegnen, da sind die Rollen klar verteilt und es gibt keine Diskussion.

Wieso sollte man z. B. seine Mitspieler in einer Fußballmannschaft siezen oder den obersten Chef im Büro duzen? Wohl besser nicht empfehlenswert, aber das versteht sich ohnehin von selbst.

Österreich vs. Deutschland

Aber wenn alles immer so einfach wäre… in Verbindung mit meinem Berufseinstieg vor knapp 2 Jahren wurde die Situation besonders erschwert durch die Tatsache, dass zwei verschiedene Kulturen aufeinander trafen. Ja, da ist es wieder das legendäre Duell Österreich vs. Deutschland, das in der Regel – mit Ausnahme einiger Wintersportwettkämpfe – meist an den Goliath geht, wenn auch der David mittlerweile ein bisschen besser Fußball spielt 😉 Aber zurück zum Thema. Kommend aus einer komischen Kultur der Kommerzialräte und Hofräte, in der Dipl.-Ing. oder Mag. groß auf Visitenkarten und Personalausweisen steht, mag mancher meinen, die Ösis sind ein duzfaules Volk. Tatsache ist jedoch aus meiner Erfahrung, bei aller Titelreiterei, dass sich der Österreicher leichter zum Du bewegt als der deutsche Landsmann. In Österreich würden sich Arbeitskollegen, die in der gleichen Abteilung jeden Tag zusammenarbeiten und unter 30 Jahre alt sind NIEMALS siezen, das Thema würde gleich am ersten Arbeitstag aus der Welt geschaffen werden. Wie kommt es dann, dass ich ausgerechnet jenen deutschen Kollegen, mit dem ich mich am allerbesten verstanden habe und noch verstehe, 3 Monate lang gesiezt habe, mit dem Effekt, dass unsere gemeinsame Vorgesetzte uns zum Duzen „gezwungen“ hat? Vielleicht weil es für das Siezen und Duzen keinen festgelegten Prozess gibt (auch das habe ich als Österreicher hier gelernt, es gibt in Deutschland für ALLES einen Prozess, aber das ist wieder eine andere Geschichte…). In unserem Fall scheiterte es daran, dass wir lange nicht wussten, wer von uns beiden der Ältere war.

Der lange und kurze Weg vom Sie zum Du…

Wie sehen nun die Erfahrungen nach 2 Jahren Berufsleben aus? Da wären einmal die „notorischen Siezer“, wo Hopfen und Malz verloren ist, trotz gleicher Hierarchieebene legen sie Wert auf ein gepflegtes Sie, meistens Kollegen der höheren Semester – jedoch in jedem Fall legitim. Dann muss an dieser Stelle noch die Gruppe der „Mit der Tür ins Haus-Duzer“ erwähnt werden. Ohne Hemmungen wird von Anfang an geduzt, wodurch derjenige schon mal ein Kopfschütteln der Kollegen, vorwiegend aus dem notorischen Siez-Bereich, erntet. Meine Lieblinge, die „Semi-Siezer“. Großteils Führungskräfte, die einen partizipativen Führungsstil pflegen und Nähe zum Team signalisieren wollen, jedoch aus Gewissensgründen oder wegen unausgesprochenen oder sogar zu Papier gebrachten Kodizes oder Richtlinien das Du-Wort nicht pflegen dürfen. Dazu kommt die seltene aber doch erwähnenswerte Spezies der „Return-Siezer“. Sie muss meistens auch aus Gewissensgründen vom Du zurück zum Sie, oft im Falle einer Beförderung zur Top-Führungskraft – nicht zu beneiden. Und last but not least die „Safety-first-Duzer“. Sie lassen sich immer vom höher positionierten oder älteren Kollegen das Du anbieten, oder bleiben im Zweifelsfall beim Sie.

Stressfaktor Du

So, jetzt erzählt uns das Berufsleben-Greenhorn Zulehner was über Duzen und Siezen werden Sie (oder ihr) jetzt denken. Ich möchte jedoch keinesfalls meine Meinung zur Wahrheit erheben, das kommt genau so negativ an, wie ein Du an der absolut falschen Stelle 😉

Nachdem die ganze Duz- und Siezkiste aber immer wieder für ungewollten Stress (manchmal habe ich sogar das Gefühl es geht bis zum Nervenkitzel analog zum Versuch der verbalen Annäherung an das andere Geschlecht beim Ausgehen) führt, deponiere ich mal ein paar Duz-Facts aus meinem kleinen Erfahrungsschatz, die sich für mich bewährt haben:

  • Safety-first-Duzer haben es immer am einfachsten 😉
  • Wenn Sie jemanden versehentlich duzen, ist meist der Zeitpunkt gekommen der Person das Du anzubieten
  • Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über Adäquanz von Du oder Sie. Die Amis kommen auch ganz gut mit dem „you“ alleine durch und ein Du-Angebot  wird wirklich äußerst selten abgelehnt
  • Ergreifen Sie die Gelegenheit, es fällt leichter ein Du-Angebot auszusprechen, wenn Sie alleine im Büro oder am Kantinentisch sitzen; ein strategisches Abpassen eines potentiellen Du-Kollegen in einem günstigen Moment ist an dieser Stelle erlaubt 😉
  • Sollte Sie jemand mitten im Du-Angebotsakt stören, ziehen Sie es trotzdem durch, sonst wird die Situation noch unangenehmer
  • Für die, die es noch nicht wissen sollten: Auf Facebook sollte tendenziell geduzt werden, Unternehmen hin oder her
  • Sind Sie keine Führungskraft, duzen Sie am besten ihre studentischen Mitarbeiter von Anfang an oder nach kurzer Zeit, sie werden es Ihnen danken.
  • UND: Sollten Sie Lukas Zulehner auf einer Tagung oder anderen Veranstaltung treffen, bieten Sie ihm ruhig frei von der Seele das Du an, er wird nichts dagegen haben. Ein Best-Practice-Beispiel kann an dieser Stelle bei Jörg Buckmann eingeholt werden 😉

Und die Moral von der Geschicht? Geduzt wird, oder auch nicht 😉

In diesem Sinne ihr lieben Leser meines allerersten Blogartikels, machen Sie’s gut!

Lukas Zulehner About Lukas Zulehner

Ausgewandert aus der Alpenrepublik Österreich knüpfte ich 2010 im Rahmen meines Berufseinstiegs Kontakt zur Automobilindustrie, genauer gesagt zum Familienunternehmen und Zulieferer Brose in Oberfranken. Nach erfolgreicher Zeit als Trainee und einenhalbjähriger Station als Assistent der Personalleitung bin ich aktuell zuständig für die die Themen Online-Personalmarketing und E-Recruiting bzw. die weltweiten Social Media-Aktivitäten unserer Unternehmensgruppe, wobei ich die Web 2.0 Plattformen bereits seit meinem Einstieg in 2010 betreue. Zuvor studierte ich Kommunikationswissenschaften in Salzburg, schrieb meine Diplomarbeit zum Thema Online-Kommunikation und durfte auch ein Jahr in Ottawa/Kanada Personalmanagement studieren. Somit bin ich ein weiterer Personaler, der ursprünglich aus der Kommunikationsecke kommt. Nach Erfahrungen als Vortragender an Hochschulen oder Tagungen zu Social Media im Personal, wurde ich nun auch in der Kreis der Personalblogger aufgenommen, war mich sehr freut und für mich spannend und neu ist.

Comments

  1. Danke für den informativen Beitrag. Als Österreicher, der auch schon eine Weile bei einem Autohersteller in Niederbayern gearbeitet hat, kann ich dem Inhalt uneingeschränkt zustimmen 😉

    Da mir der Artikel gefallen hat, wurde er samt Namen des Autors in unserem Blog verlinkt (PINPOLL > Blog).

    Dort haben wir eine aktuelle Umfrage zum Thema Duzen & Siezen näher beleuchtet, die Ergebnisse decken sich gut mit dem hier Gesagten.

    Herzlichst,
    Tobias

    PS: Sollten Sie Umfrageergebnisse z.B. aus der Kategorie „Arbeit & Karriere“ verwenden wollen, feel free.

  2. Ein schöner Beitrag zum Thema! Es lässt sich viel diskutieren, da es von Land zu Land unterschiedlich ist. Da ich selbst aus Osteuropa komme, war es für mich am Anfang sehr schwer, mich an Dutzen mit deutschen Kollegen anzugewöhnen, da bei uns vorwiegend gesiezt wird.

  3. Franziska Knabenreich says

    Sehr schöner Artikel! Ich musste beim Dipl.-Ing. sehr lachen! Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen! Dieses ganze Pseudogesieze geht mir echt auf den Keks! Vor allem bei Unternehmen auf Facebook! Daumen hoch!

  4. Das „Du“ ist offenbar im Projekt-Alltag unter Externen wie Internen (hier im Chemie-Konzern) Standard, und wird von vielen bereits beim ersten Händedruck angeboten, was ich inflationär finde. Ich halte mich an die Standards (der Ältere bietet dem Jüngeren an) und vermeide es, wo es geht. Duzen erleichtert mMn die Zusammenarbeit nicht, es ist nur bequemer. Ich habe auch kein Problem damit auf Englisch zu siezen (Dear Mr / Mrs xx), bin damit aber in der Minderheit. Im übrigen ist das Duzen im Mutterland des Du, in Schweden, auch wieder auf dem Rückmarsch, in der Gastronomie und im Hotelgewerbe sowie bei der Ordnungsmacht wird öfters wieder gesiezt „Ni“ = „Sie“, statt „du“ . Professionalität und professionelle Distanz gehen mMn hand in hand. Und wenn das Projekt rum ist und man sich nach ein paar Jahren irgendwo trifft, ist das Duzen auch peinlich. Also am besten gleich lassen.

  5. Sehr schöner Artikel den Du uns hier serviert hast!

    Ist ja manchmal wirklich bizarr, welche Szenen sich abspielen. Da überlegt man beim Verfassen der Mail: „Moment… Hab ich den jetzt schon geduzt? – Oder duzt er mich und erwartet, dass ich ihn sieze?“

    Da brächte manchmal ein Schriftstück à la

    „Möchten Sie mich duzen?:
    [ ] ja
    [ ] nein
    [ ] semi

    die erhoffte Klahrheit.
    Dann wären wir wieder auf dem Niveau „der verbalen Annäherung an das andere Geschlecht beim Ausgehen“ 😉

    In diesem Sinne.
    Christian

Speak Your Mind

*