Ein offener Brief an…Gordon Gekko

Lieber Mr. Gekko,

als ich mir jüngst überlegte, einen Brief zum Thema „Werte“ zu verfassen, musste ich zugegebenermaßen ziemlich lange überlegen, an welchen Adressaten ich mein Schreiben wohl richten würde. Welcher Held meiner Kindheit, welche Vorabendserie, oder einfach – wer – ist für mich eigentlich der personifizierte Wertevertreter?

Ich kann Ihnen sagen, selten ist mir die Suche so schwer gefallen! Ständig drehte sich in meinem Kopf alles um Charles Ingalls, den hochanständigen latzhosenverliebten Lockendaddy aus „Unsere kleine Farm“. Gut, besser, Ingalls – das war das Konzept und hat schon damals unsagbar genervt! Ich bin ja mittlerweile davon überzeugt, dass die Fernsehmacher von RTL alle in meinem Alter sein müssen. Denn, ganz ehrlich, wer mit „Unsere kleine Farm“ aufgewachsen ist, der entwickelt als Erwachsener einfach solche Formate wie „Familien im Brennpunkt“. Das ist wie ein Zwang, eine Art Befreiungsschlag!

Zurück zu Ihnen, Mr. Gekko. Ich hatte also Charles Ingalls im Kopf, als auf einmal auch noch Sie vor meinem inneren Auge auftauchten. Das hat mich dann doch etwas geschockt. Ist mir der massive Fernseh-und Filmkonsum in meiner Jugend am Ende doch nicht so gut bekommen, wie ich hoffte? Beim Thema „Werte“ fallen mir tatsächlich nur ein Moralapostel und ein Betrüger ein – zwei Menschen, deren Werteverständnis sich doch maßgeblich von dem meinen unterscheidet! Aber vielleicht ist das gerade der Punkt -und so frage ich mich:

Wer entscheidet eigentlich über den Wert der Werte?

 

Ich finde, Sie und ich sollten uns für diese Frage etwas Zeit nehmen, Gordon, und es ist auch gar nicht so komplex, wie es sich vielleicht im ersten Moment anhört.

Sie müssen wissen, das Thema Werte ist auf dem Vormarsch! Wurden Wertediskussionen eben noch vor allem im Privaten geführt, nimmt das Thema nunmehr in beruflichen Umgebungen immer mehr an Platz ein. Wertewandel ist das neue Schlagwort und somit kommt man – vor allem als Führungskraft – auch an Fragestellungen zum eigenen Werteverständnis kaum noch vorbei. Daher macht es Sinn, sich dem Thema mal unbedarft und vielleicht auch frei von philosophischen / ethischen Glaubenssätzen zu widmen.

Schauen wir uns also erst mal eine Definition zum Thema „Werte“ an.

Wikipedia sagt: „Werte sind moralisch gut betrachtete Eigenschaften, bzw. Qualitäten (…) wonach man sich verhält und richtet.“ Moralisch wiederum „(…)beschreibt, welches Handeln in bestimmten Situationen als (gemeingültig) richtig erachtet (…)bzw. erwartet wird“

Aber Moment mal, wenn ich das wiederum übersetze, würde es doch bedeuten, dass Werte in ihrer Eigenschaft eine Gemeingültigkeit haben sollten. Ist das so?

Nun, dann ist es zumindest kein Wunder, warum Sie etwas ins Abseits geraten sind, Mr. Gekko. Ihre Wertevorstellung war nicht die, die Menschen offiziell als gemeingültig anerkennen würden.

Wie wir alle wissen, war Ihr Kern- „Wert“ die Gier. Hier von Wert zu sprechen mag weit her geholt sein- aber es war nun mal genau diese, die Ihr Verhaltensmuster prägte. „Gier ist gut“, pflegten Sie zu sagen. Und da Sie von der „Hab-“ und nicht der „Neugier“ sprachen, war das zwar für Sie akzeptabel – doch zur Gemeingültigkeit hat es eben nicht gereicht.

Das ist ein wichtiger Punkt! Was passiert eigentlich, wenn meine persönliche Wertevorstellung allgemein keine Gültigkeit erfährt oder den Erwartungen entspricht? Muss ich dann entweder gut mit mir alleine zurechtkommen oder ich passe mich an?!

Nun, für mich ergibt sich hier der Schulterschluss zu vielen Gesprächen, die ich mit Klienten oder Kollegen führe. Der Moment, in dem man merkt, dass die eigenen Werte im Privaten oder im Beruflichen auf ein Mal keine Allgemeingültigkeit mehr erfahren, ist für viele ein schockierender.

Oft wird übersehen, dass sich das eigene Werteverständnis im ständigen Wandel befindet- ein lebenslanger Prozess ist. Und so kann es passieren, dass „es“ plötzlich nicht mehr passt. Auf ein Mal merkt man, dass man sich verbiegen muss, um die Anerkennung der Allgemeinheit zu behalten. Dabei stellt man sich immer häufiger die Frage, warum man selbst auf „einmal“ neue Sichtweisen auf unveränderte Situationen hat.

Gerade in beruflichen Umgebungen kann dies extrem belasten, obwohl es eigentlich der maßgebliche Treiber für eine Veränderung sein kann. Denn der persönliche Wertewandel und die damit verbundenen neuen Sichtweisen sind nichts anderes als die eigene Weiterentwicklung!

Aber wie sie selbst vielleicht auch schon gemerkt haben, Mr. Gekko: Menschen können viel Ausdauer beweisen, wenn es darum geht, sich gegen die eigene persönliche Entwicklung zu wehren.

Schauen wir uns noch eine weitere interessante Entwicklung zum Thema Werte an:

Dass gerade in Unternehmen viel über Werte diskutiert wird, zeigt auch die Studie Führungskräftebefragung 2013 der „Initiative Werte Bewusste Führung e.V.“

Dort hat für die Führungskräfte der Wert „Integrität“ dem Wert „Verantwortung“ in der relativen Bedeutung den Rang abgelaufen.

  2006 2010 2013
1. Verantwortung Vertrauen Vertrauen
2. Vertrauen Verantwortung Integrität
3. Respekt Integrität Verantwortung
(Quelle: WerteKommission – Initiative Werte Bewusste Führung– Führungskräftebefragung 2013- gestützte Befragung)

 

Und während ich mir diese Auswertung so anschaue, fällt mir etwas auf:

Die Top Werte 2013 „Vertrauen“ und „Integrität“ sind Werte, die eher dem eigenen Selbstverständnis folgen, sind also bewusste Entscheidungen und von außen nicht unbedingt steuerbar oder bewertbar. Die Werte „Verantwortung“ oder „Respekt“ hingegen, erfahren meines Erachtens ihre Befriedigung eher durch eine Anerkennung und Aufmerksamkeit von außen.

Interessant! Führungskräfte messen also intrinsischen Werten immer mehr Bedeutung zu? Für mich eine positive Entwicklung. Denn Werte wie Vertrauen und Integrität, die aus eigenem Antrieb befriedigt werden können, machen frei. Bedeutet es doch, sich von der Abhängigkeit der allgemeingültigen Anerkennung lösen zu können und somit selbst über den Wert der Werte zu entscheiden!

Und gerade dieses Lösen von der Anerkennung ist für heutige Führungskräfte maßgeblich für die Definition der eigenen Rolle. Selbst zu entscheiden, wofür man stehen möchte und entsprechend danach zu handeln – das macht den Unterschied zwischen mehr-oder minderwertiger Führung aus, erhöht den Selbstwert und ist daher in meinen Augen ausschlaggebend für den persönlichen und unternehmerischen Erfolg.

Wie wir alle wissen, haben auch Sie mittlerweile Ihre Rolle definiert und entschieden, wofür Sie stehen möchten, Mr. Gekko: für die Familie. Na, das nenne ich mal eine persönliche Entwicklung! Und dass Sie das ohne Latzhose und lockiges Haar hinbekommen haben – dafür bin ich Ihnen persönlich mehr als dankbar!

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich Ihre

Alex Götze

Alexandra Götze About Alexandra Götze

Ich bin zertifizierter Business& Personal Coach mit Praxis in Wiesbaden. Im Business Bereich habe ich mich auf das Coaching von Führungskräften des mittleren Managements spezialisiert. Mehr über meine Arbeit und mich finden Sie unter: www.alexandragoetze.de
Da mir die Anbindung an ein Unternehmen wichtig ist, widme ich einen Teil meiner Zeit weiterhin Accenture. Als Verantwortliche für den Bereich Talent Strategies beschäftigen mich alle Themen rund um das Thema Talentbeschaffung, -entwicklung und –bindung.

Comments

  1. Auf den Punkt gebracht!

    Werte ändern sich. Zuerst wundert man sich selbst, dass dies so ist. Sobald man aber verstanden hat, was für eine Entwicklung das für einen selbst bedeutet, darf man Stolz darauf sein.

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