Teil 2: Gedanken zur Personalauswahl: Was Noten (nicht) aussagen

Akademische LeistungHier kommt die Fortsetzung meiner kleinen Personalauswahlbetrachtung. Diesmal geht es um eines des deutschen Hiring Manager liebsten Kindes: Den schulischen und akademischen Leistungen eines Bewerbers. Oder sagen wir es umgangsprachlich: Um die Noten als eines der ersten Vorauswahlkritieren. Klingt irgendwie nicht wahnsinnig intelligent – und ist auch tatsächlich nicht. Eher ein echtes Armutszeugnis der klassischen (deutschen) Personalauswahl. „Setzen, Sechs!“ möchte ich da rufen.

Jetzt finden Sie bestimmt, ich trage etwas dick auf. Gut, ich übertreibe vielleicht ein gaaaaanz kleines wenig. Aber wirklich nur etwas. Glauben Sie mir: Noten sagen vieles aus – über den, der sie als erstes oder zweites Auswahlkriterium nimmt. Aber nur wenig über den Bewerber. Um das zu erklären, wird dieser Artikel doch wieder etwas länger (Sie haben es sicher schon geahnt). Denn wir müssen tief graben um zu verstehen, wie unsere Personalauswahlpraxis so aus dem Ruder laufen konnte. Also, Kaffee holen, Tür zu machen – oder am Wochenende in Ruhe weiterlesen.

Noten in der Personalauswahl – so gut wie keine Aussagekraft

Es haben sich schon klügere Menschen und Institutionen als ich mit dem Thema beschäftigt und herausgefunden: Noten haben (fast) keine Aussagekraft. Und werden als Auswahlkriterium auch durchaus kritisch gesehen. Aber das hat sich irgendwie noch nicht in der Arbeitswelt herumgesprochen. Ich brauche da gar nicht so viel selber zu schreiben, sondern empfehle Ihnen einige Artikel. Gilbert Dietrich, Personalleiter bei Unister, hat jahrelang Personalauswahlgespräche bei Google geführt und fasst in seinem Artikel „Sinnlose Bewerbungsgespräche“ die Erkenntnis zusammen, dass weder die akademische Leistung noch die bei Strategieberatungen so beliebten Knobelaufgaben mit der späteren Leistung im Job korrelieren.

Dann hat die ZEIT in „Die Noten-Lüge“ schön herausgearbeitet, dass alleine schon durch unterschiedlich strenge Professoren / Unis / Bundesländer die Notenvergabe nicht vergleichbar ist. Und liebe Unbelehrbare, kommen Sie mir jetzt nicht mit „Na, lieber Zaborowski, jeder Auswahlprofi weiß, dass ein Abi mit 2,0 in Bayern besser ist als eins mit 1,4 in Bremen. Das können wir Profis schon berücksichtigen“. Ich finde, so eine Kreuzpeilung können Sie gerne auf hoher See machen, aber nicht bei der Stellenbesetzung. Was machen Sie denn mit der Thematik, dass Studenten komischerweise immer „besser“ werden. Wie kommt das nur? Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Jo Dierks hat sich in seinem Artikel zur Azubi-Auswahl bei der Bahn ebenfalls mit dem Thema befasst und weist bei der Auswahl anhand der Noten auf den Fehler 2. Art hin, durch den Bewerber aussortiert werden, obwohl sie eigentlich für den Job gepasst hätten. Auch er sieht Noten als Auswahlkriterium kritisch, wenn auch nicht ganz so extrem wie ich.

Und sehr erfrischend (und doch auch deprimierend) finde ich den Beitrag vom SpiegelOnline, der fragt, warum denn eigentlich Ärzte zur Abi-Elite gehören müssen. Genau, müssen sie nicht. Da bleibt ein Abiturient mit 2,5 und einer echten (nachweisbaren) Leidenschaft für den Arztberuf halt draußen, während die 1,0 Abi Jungs und Mädels mitten in der Ausbildung bei der ersten Berührung mit dem Arztalltag erschreckt zurückzucken.

Und dann gibt es auch noch eine wissenschaftlichen Untersuchung einer Universität, in der ebenfalls nachgewiesen wird, dass Noten aus Schule und Studium einfach keine Aussagekraft über die spätere Leistung im Beruf haben. Leider finde ich den Artikel dazu nicht mehr. Vielleicht kann jemand helfen?

Der Grund für diesen fehlenden Zusammenhang von (sehr) guter Leistung im akademischen Bereich und im Job ist übrigens ganz einfach – die Tätigkeiten sind nicht vergleichbar. An der Uni kommt es Zweifel darauf an, sich Wissen kurzfristig anzueignen und zu einem bestimmten Zeitpunkt (Prüfung) wieder abzurufen (danach darf es gerne wieder gelöscht werden). Im Job werden Sie es aber nur mit Wissen aneignen nicht weit bringen. Sie müssen es permanent anwenden, auf die jeweilige Situation anpassen und vor allem mit den unterschiedlichsten Menschen, Arbeitsumfeldern und Umständen klar kommen. Es gibt Menschen, für die ist Schule und Uni das ideale Lernfeld – und für andere nicht (ich werde jetzt aber nicht von mir erzählen). Aber das werden wir gleich noch genauer betrachten.

Personalauswahl durch Noten – eine Neid-Debatte?

Bevor jetzt irgendjemand denkt, ich arbeite hier meinen Schulfrust ab und haue auf „die Streber“ drauf, lassen Sie mich das relativieren. Ich habe jahrelang für renommierte Strategie- & Managementberatungen gearbeitet und dabei (gezwungenermaßen) immer nur mit den Top Kandidaten der Uni-Landschaften gesprochen. Die meisten fand & finde ich sehr nett und normal und zu einigen von ihnen habe ich seit Jahren einen guten Kontakt. Und ich habe großen Respekt vor jungen Menschen, die Abi und Studium an einer Eliteuni mit 1,x machen und, weil das Studium sie nicht ausgelastet hat, sich auch noch ehrenamtlich oder in diversen Jobs engagierten. Hut ab! Neid ist mir hier völlig fremd, ich war die meiste Schulzeit ein schlechter, weil uninteressierter Schüler, ich kenne meine Grenzen.

Warum schreibe ich dann einen ganzen Artikel über Noten? Na, weil ich zum Einen die Selbstverständlichkeit erschreckend finde, wie ein Kriterium mit fast keiner Aussagekraft als Hauptaussortierungskriterium benutzt wird. Zum Zweiten, weil ich jede Menge Menschen kenne, die ich für ziemlich intelligent und erfolgreich im Beruf halte, die es aber aufgrund ihres „nur durchschnittlichen“ Studiums unnötig schwer bei ihrer Berufsfindung hatten / haben. Und zum Dritten, weil das Thema Noten (also die Notwendigkeit, sehr gute Noten zu schreiben) in unserer Medienlandschaft und Gesellschaft unglaublich gehyped wird. Als Vater habe ich das jetzt sogar auf der Grundschule miterleben müssen! Da kriegen Eltern in der 3. Klasse der Grundschule schon Panik, weil mit dem Halbjahrzeugnis der 4. Klasse die Entscheidung für die Höhere Schule gelegt wird. „Und wenn mein Kind kein Abi macht, dann hat es keine Zukunft!“ In der Grundschule! Das ist einfach krank!

Und dass wir uns nicht missverstehen: Ich behaupte hier nicht, dass ein BWL Absolvent mit 3,7 an der FH Bremen genauso „gut“ ist wie ein BWL Absolvent mit 1,6 an der Uni Mannheim. Aber ich behaupte, dass zwischen einem Abschluss mit 1,8 und einem mit 2,5 kein RIESEN Unterschied ist. Und dass auch eine 3,0 eine respektable Leistung ist. Es gibt genug externe Faktoren, die einen 0,5 Punkte Unterschied bewirken können. Das Problem ist aber ja, dass die meisten Unternehmen eine Note definieren, die erreicht werden muss. Oft eine 1,x. Mit einem 2,5 Notenschnitt haben Bewerber bei den meisten Beratungen, Großunternehmen und Konzernen mit der klassischen Bewerbungsform (email/online/Post) schon keine Chance mehr und werden aussortiert.

Personalauswahl durch Noten – von wegen!

Und ich rege mich auf, weil die Unternehmen sich ja nicht mal selbst an ihre Vorgaben halten. Ein konkretes Beispiel der letzten Monate: Ein frisch gebackener Wirtschaftsingenieur der TU Darmstadt hat seinen Abschluss mit 2,2 gemacht. Abi war 2,0 (wenn ich mir richtig erinnere). Berufsrelevante Praktika hatte er natürlich auch absolviert, klar. Er bewirbt sich bei diversen Beratungen und bekommt eine Absage nach der nächsten. Ich gebe ihm ein paar Tipps zu seinem Lebenslauf, aber eigentlich ist der völlig i. O.. Fachlich bringt er auch vieles mit. Meine einzige Erklärung: Es liegt an der fehlenden 1 vor dem Komma.

Einige Wochen später geht er auf einer großen Recruitingmesse zu genau den Firmen, die ihm bereits abgesagt haben. Und bekommt von fast allen noch vor Ort die Zusage zu einem Vorstellungsgespräch – und am Ende drei Jobangebote. Hm, ist er jetzt durch sein persönliches Erscheinen intelligenter geworden als noch bei der email-Bewerbung? Wohl kaum. Der persönliche Kontakt hat den Ausschlag gegeben. Da kam jemand zum Messestand, der klar reden konnte, nett war und einen grundsoliden Eindruck gemacht hat. Er erzählt von seinen interessanten Praktika – und „Zack“, auf einmal ist die 2,2 im Abschluss dann doch nicht mehr sooooo relevant.

Klar, ich vermute hier nur, dass es bei den vorherigen Absagen an den Noten lag. Aber ich kenne die Praxis lang genug und habe Dutzende solcher Beispiele erlebt. Schon komisch, dass die Unternehmen spätestens bei solchen Erfahrungen nicht umdenken. Liebe Hiring Manager, wenn ihr euch das auch in Zukunft leisten könnt, bitte. Aber argumentationsstark ist anders!

Nur so nebenbei: Ich kenne übrigens auch Hiring Manager, denen die akademischen Leistungen der Bewerber egal sind. Meistens arbeiten die in KMUs oder es geht um Jobs, in denen eher soziale Kompetenzen gefordert sind (z. B. im Vertrieb). Leider denken viele Absolventen ja immer noch, sie werden nur bei den „Großen“ glücklich.

Personalauswahl durch Noten – was sagen die denn nun eigentlich aus?

Jetzt kommen wir zu dem spannenden Aspekt, was Noten eigentlich aussagen können. Dazu müssen wir erst einmal kurz überlegen, was für Menschen sehr gute Noten bringen. Aus meiner Sicht gibt es drei Gruppierungen:

1) Jemand ist außerordentlich intelligent und schafft es ohne viel Mühe in allen Disziplinen zu Top Leistungen. Solche Menschen gibt es, wir kennen alle mindestens zwei aus unserem Umfeld und ihre Namen werden immer mit Bewunderung und Ehrfurcht ausgesprochen. Respekt!

2) Jemand ist durchschnittlich intelligent (oder meinetwegen auch etwas drüber) und sehr fleißig und gewissenhaft. Schlimmstenfalls als Streber verschrien, glänzen diese Menschen durch kontinuierlichen Lerneinsatz und eine hohe Konstanz in wiederum fast allen Disziplinen. Aus meiner Sicht ist der Erfolg vor allem der Persönlichkeit „geschuldet“. Aber auch hier: Respekt!

3) Jemand ist durchschnittlich intelligent und von Natur aus nicht wirklich fleißig. Aber sein Umfeld (Eltern, Mitschüler/Kommilitonen, Medien etc.) treiben ihn/sie zu Höchstleistungen an, um „überhaupt eine Chance zu haben“. Hier ist der externe Druck der Erfolgsfaktor für sehr gute Noten. Respekt? Hm, ich weiß nicht.

Alle anderen schreiben halt durchschnittliche Noten, irgendwo im zweier-dreier Bereich mit Schwankungen je nach Fächern. Das hat selten was mit Intelligenz, sondern eher was mit Motivation, Interessen und sozialem Umfeld zu tun. Für diesen Gedankengang weise ich nochmal ausdrücklich auf den Kommentar eine Absolventin zu meinem ersten Personalauswahlartikel hin.

Diese Gruppierung ist natürlich recht grob, aber Sie dürfen mir ja auch sehr gerne widersprechen. Zusammengefasst heißt das: Sehr gute akademische Leistungen über alle Disziplinen hinweg entspringen entweder einer sehr hohen Intelligenz oder sehr großem Fleiß (angeboren oder anerzogen).

Personalauswahl durch Noten – Sicherheitsdenken bei den Entscheidern

Und mit dieser Erkenntnis haben wir auch die Gründe, warum sehr guten Noten so gerne als Auswahlkriterium genommen werden. Entweder der Hiring Manager bekommt einen sehr intelligenten Mitarbeiter (wer will das nicht) oder zumindest einen sehr fleißigen/gewissenhaften. Bei dem darf ich darauf vertrauen, dass er/sie sich klaglos in alles einarbeitet, was ich ihm vorlege. Alle anderen Bewerber bedeuten einen großen Unsicherheitsfaktor! Entweder haben sie keinen Bock auf Leistung, sind Freigeister die nur ihren eigenen Interessen nachgehen, wollen/müssen den Sinn hinter einer Sache sehen um motiviert zu sein (wie anstrengend) oder sind tatsächlich geistig nicht fit genug. Wollte ich hier als Hiring Manager sorgfältig auswählen, müsste ich mich ja ernsthaft mit den Menschen, die hinter den Noten stehen, auseinandersetzen. Das können und wollen aber anscheinend die wenigsten.

Natürlich gibt es noch einen anderen Grund, warum Noten so gerne als Auswahlkriterium genommen werden: Es gibt dem Hiring Manager das schöne Gefühl, sich nur mit den (vermeintlich) Besten zu umgeben. Das schmeichelt dem Ego.

(Ich habe auch mal das Gerücht gehört, dass Noten nur deswegen genommen werden, um schnell und einfach eine Vorauswahl zu treffen. Aber nein, das glaube ich nicht. Sooo einfach machen sich das unsere Entscheider doch nicht … Das zu behaupten wäre doch zu böse. Noch dazu im „War for Talents“! Kleiner Einschub: Gibt es den wirklich? Ich habe so meine Zweifel, wie Sie unter „Exoten in die Wirtschaft? Nein! Die „Geister“ kommen gar nicht rein“ nachlesen können.)

 

Personalauswahl durch Noten – müssen es immer die Besten sein?

Die Frage ist natürlich auch, ob es für alle Jobs pauschal immer die formal „Besten“ sein müssen? Ich denke eher „nein“. Wie ich in meinem Artikel „Noah rettet die Welt“ schon schrieb, dürften die meisten Jobs auf dieser Welt auch von den meisten Menschen bewältigt werden können. Der/die Beste im jeweiligen Job zu sein ist eher eine Frage der Persönlichkeit und der Interessen. Außerdem stellt sich die Frage: Was mache ich eigentlich mit den ganzen High Potentials? Ich kann doch nicht jeden zum Geschäftsführer machen? Und dann beobachte ich noch etwas anderes, eigentlich lustiges: Studenten erzählen mir oft von ihren Praktika in den Konzernen und was sie da teilweise für „stumpfe“ Aufgaben übernehmen. Da werden z. B. monatlich Reportings erstellt, indem ein Mitarbeiter Tage vor Monatsabschluss nur damit beschäftigt ist, die Daten aus verschiedenen Quellen (Systemen/Abteilungen) zusammen zu tragen und dann händisch in eine PowerPoint Präsi für die Entscheider zu hacken. Für solche Aufgaben werden auch gerne Praktikanten genommen. Die dann kurzerhand in drei Monaten eine Excel-Lösung basteln, die die Arbeit von Tagen in wenigen Minuten erledigt.

Wenn ich so etwas höre frage ich mich immer: Liebe Unternehmen, ihr sucht wirklich die „Cracks“ unter den Absolventen? Und habt dann auch heute noch solche Tätigkeiten zu vergeben? Ernsthaft?

Personalauswahl durch Noten – die Zusammenfassung

Ich könnte noch so viele Geschichten schreiben von Menschen, die hochintelligent oder einfach sehr erfolgreich im Job sind – ohne einen tollen akademischen Abschluss. Aber das sprengt jetzt hier den Rahmen. Lassen Sie uns festhalten: Noten haben so gut wie keine Aussagekraft über die spätere Leistung im Job. Punkt. Von daher sollten sie auch nicht den Stellenwert haben, den sie im Bewerbungsprozess immer noch haben: Nämlich den des ersten oder zweiten Auswahlkriteriums (neben so „aussagestarken“ Kriterien wie Lichtbild und CV …). Wer das Gegenteil behauptet arbeitet entweder in einem sehr speziellen Bereich (es gibt mit Sicherheit einige wenige Berufsfelder, da muss man hochintelligent und/oder extrem fleißig sein, z. B. in der Forschung oder der Strategieberatung) oder ist beratungsresistent.

Und weil es so wichtig und witzig ist, hier noch schnell ein weiterer Klassiker in der Personalauswahl: Das Betreiben von Mannschaftssport. Bewerber mit diesem Hobby gelten gemeinhin als besonders Teamfähigkeit. Eine Studentin hat das mal untersucht. Ergebnis: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Teamsport und Sozialer Kompetenz. Schön, oder? Die Illusion hält sich aber immer noch hartnäckig. Das hätte ich Ihnen auch sagen können. Oder wo sortieren wir Menschen wie mich ein, die Tennis (Einzelsport) und Volleyball (Mannschaftssport) spielen?

Im nächsten Artikel werde ich dann auf das Thema „Perfekter Lebenslauf“ eingehen. Wenn Sie noch Zeit und Lust haben, stimmen Sie sich doch schon mal darauf ein und nehmen Sie Abschied! Abschied von der Bewerbungshow.

Einen guten Start in das Wochenende,

Ihr Henrik Zaborowski

Henrik Zaborowski About Henrik Zaborowski

12 Jahre Erfahrung als Personalberater für KMUs und Konzerngesellschaften. Vor allem aber für die IT- & Managementberatungsbranche. Nach einem lehrreichen Ausflug auf die Kundenseite nun Berater rund um das Thema Recruiting als Gesamtkonzept. Mehr unter www.hzaborowski.de

Comments

  1. Noten als Einstellungskriterium ? – sicherlich nein. Richtig ist, dass Bewerber einen bestimmten formalen Abschluss vorweisen müssen, die den Anforderungen der Stelle gerecht wird (Abitur, Studium etc.). Ob es dann eine 2,x oder eine 1,x ist, ist weniger entscheidend.
    Dazu kommt: in der Regel benutzen die namhaften Firmen heutzutage eine Recruiting-Software. Das bedeutet, dass eine ganze Reihe von Anforderungsmerkmalen im Rahmen des Recruitings im Vorhinein von den Personalverantwortlichen definiert wird und diese Kriterien anschließend auf Passgenauigkeit „gematcht“ werden. Nur auf die Noten abzustellen, würde zu kurz greifen. Wichtiger ist – spätestens im Vorstellungsgespräch – von dem Bewerber den Eindruck zu bekommen, dass er eine gewisse „Leidenschaft“ für die Tätigkeit mitbringt.

    Beste Grüße, Bernd Litzenberger
    http://www.kompetenz-persoenlich-gestalten.de/

  2. Ein sehr schöner, interessanter und wahrer Artikel, der mir geradezu aus der Seele spricht.
    Ich selbst war eine grauenhafte Schülerin. In allererster Linie war ich faul. So faul, dass ich nie bemüht war, meine Hausaufgaben zu erledigen, jedoch trotzdem irgendwie immer wieder mit einem 4er-Zeugnis auf dem Gymnasium versetzt wurde. Es klappte immer und immer wieder, bis ich immer seltener überhaupt zur Schule ging mit der Ansicht, es würde (mal wieder) irgendwie funktionieren. – Hat es natürlich nicht. Mitten in der 12. Klasse sagte mir die Schule, ich müsse nicht wiederkommen. Ein Schock? -Nö!

    Ich begann eine Ausbildung als Augenoptikerin (immerhin), obwohl ich eine dicke fünf in Mathe hatte.
    Meine (armen, armen) Eltern waren der Meinung, auch wenn sie es nicht aussprachen, ich würde es wieder nicht packen. Nicht aus Mangel an Intelligenz oder sozialer Kompetenz, sondern aufgrund des altbekannten Musters.
    Doch es lief anders. Ich lernte, was Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit, Fleiß und damit verbundener Erfolg bedeuteten. Zuvor hielt ich mich tatsächlich für „doof“, weil es das war, was mir meine Noten, mein soziales Umfeld und meine Lehrer suggerierten. (Ich erinner mich noch an die Aussage meines Mathelehrers als ich mich meldete: „Guckt mal, das ist so einfach, das weiß sogar Finja.“)
    Doch jetzt hatte ich eine neue Herangehensweise und ein neues Selbstverständnis erlangt – Disziplin.
    Ich habe mein Abitur die letzten beiden Jahre nachgeholt und es mit 1,0 bestanden (mit 15 Punkten in Mathe).
    Jetzt stellt sich für mich die Frage: Was sagen diese Noten aus?
    Für mich ist ganz klar, dass man sein Abitur mit ca. 18 Jahren macht. Eine sehr schwierige Zeit der Selbstfindung und nicht selten der eigenen Rebellion und ich habe vor einem Schüler, der mit 18 Jahren einen 3,0-Schnitt hat mehr Respekt als vor einem, der sein Abitur mit 1,0 auf dem zweiten Bildungsweg besteht, aber das ist meine persönliche Meinung.
    Ich hatte ein schlechtes Zeugnis, aber nur, weil ich faul war. Hätte ich diese Faulheit mitgenommen in das Berufsleben, wäre ich dort untergegangen (und ich konnte mich schon damals gut artikulieren etc.).
    Meine Noten sagen gleichermaßen viel und wenig über mich aus, da zum einen mein letztes Zeugnis nach Schulabbruch repräsentativ für meine Engagement und mein Maß an Disziplin war und zum anderen mein jetziges Abitur von 1,0 nicht für das steht, was ein junger Mensch mit 18 leistet, wenn er sein Abitur beim „ersten Versuch“ mit Erfolg besteht.
    Das ganze Thema ist für mich sehr zwiespältig und ich denke, dass man den Menschen hinter der Note nicht auf Anhieb erkennen kann – leider. Wir leben in Deutschland, einem Land, in dem man nicht mehr als das ‚wert‘ ist, was auf dem Papier (in diesem Fall dem Zeugnis) steht.
    Jedoch denke ich, sagt es viel über das Engagement aus, was dahinter steht und über das Vermögen, sich selbst zu disziplinieren und an Zielen – egal welchen Ursprungs – festzuhalten.
    Das Traurige ist jedoch, dass man immer in diesem Schatten der eigenen Note steht und es so den „ab 2,0-Schülern“ oft ein Leben lang verwehrt bleibt, eine Chance auf den eigenen Traumberuf zu erlangen, obgleich sie dafür womöglich besser geeignet sind als so mancher Einser-Schüler.
    Ich denke, dass Sie mit Ihrem Artikel in vielerlei Hinsicht den Nagel auf den Kopf getroffen haben, Herr Zaborowski.
    Ich beginne ab Oktober voraussichtlich ein Psychologiestudium mit dem Schwerpunkt Wirtschaft, um anschließend im Personalmanagement tätig sein zu können und genau daran anzuknüpfen. Ich freue mich schon drauf!

    • Hallo Finja, herzlichen Dank für diese Erfahrungs(Lebens-)Bericht. Respekt vor Ihrer Leistung. Mir ging es ähnlich wie Ihnen 🙂 Aber irgendwann habe ich dann auch die Kurve gekriegt. Viel Erfolg für Ihr Studium – und bleiben Sie der HR Blogger Szene treu. Es lohnt sich bestimmt für beide Seiten. Herzlichen Gruß, Henrik Zaborowski

  3. Eine schöne Anregung. Aus Sicht des Employer Branding ist auch hier Bedarf die zur Arbeitgebermarke passenden Bewerber zu finden. Bei unseren Kunden ist es ein Punkt, an dem wir im Recruiting-Prozess arbeiten. Die Frage lautet: Wie kann die Personalauswahl trotzdem effizient sein?

  4. Ich wünschte, auch andere Recruiter würde Ihre Ansichten teilen. Allerdings möchte ich eine (kleine) Lanze für einen Teil Ihrer Kollegen brechen, betreffend meinen bescheidenen Erfahrungsschatz:

    Ich bin aktuell Student an einer solchen „Elite-Uni“, studiere nebenher per Fernstudium um einen Doppelabschluss zu erwerben und strebe einen Berufsstart in der Strategieberatung an. Mein Abitur war mehr schlecht als recht – wohl mehr aus Desinteresse denn fehlender Intelligenz.
    Und trotz aller Mythen im Internet, der beschworenen 1,x-Regel bei allen Abschlüssen – ich hatte nun schon im frühem Stadium meines Studiums einige interessante Kontakte zu namenhaften Strategieberatungen und auch Angebote zu Praktika, trotz einer 3 vor meiner Abiturnote.

    Will sagen – Sie treffen mit Ihren Ausführungen ins Schwarze. Und einige Recruiter scheinen umzudenken, sonst wäre ich kaum in einem solch intensiven Kontakt mit Ihnen.

    • Das freut mich sehr zu lesen, „Herr vonHouseausgut“ (sehr nette emailadresse!). Ja, ich kenne auch immer mal Ausnahmen, auch im Strategieberatungsumfeld. Aber es waren bisher wirklich sehr wenige. Wenn sich das jetzt langsam ändern sollte – wunderbar! Viel Erfolg weiter fürs Doppelstudium! Henrik Zaborowski

  5. Viel spannender als die Note im Abiturzeugnis ist doch die Frage: Welche Leistungskurse hat jemand belegt und was hat er abgewählt? Und warum? Welche Motivation steckte dahinter? Wurde Deutsch als LK gewählt, weil man unbedingt Journalist werden wollte oder war der Lehrer einfach easy und damit die 11 Punkte gesetzt? War der versiebte Mathe-LK der missglückte Tipp des Vaters (Spross einer Ingenieursfamilie) oder wurde er gewählt, weil alle Kumpels auch Mathe gemacht haben?

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