Mobile Recruiting ist wie Müsli

Mobile Recruiting. Das stand – zumindest in Deutschland – bisher entweder für Apps und mobile Webseiten, die den bekannten Desktop-Stellenmarkt mal mehr, mal weniger schön auf mobile Endgeräte brachten. Oder aber für Recruitment-Apps mit Event-Charakter. So wie die Code-Caching App von Young Targets für 1&1.

Ich hatte bereits vor einiger Zeit geschrieben, dass dieses Verständnis aus meiner Sicht um einige Punkte zu kurz gedacht ist.

Mobile Recruitment besteht für mich in erster Linie aus

  • einer mobilfähigen Karriere-Webseite,
  • einem mobilfähigen Stellenmarkt,
  • einem mobilfähigen Online-Bewerbungstool und
  • einem durch mobile Applikationen/Tools unterstütztes Onboarding.

Danach kommen mobil optimierte Angebote für Recruiter und Hiring Manager, oder fürs Employer Branding nützliche Feature-Apps, z.B. aus dem Augmented-Reality-Bereich.

Kurz und knapp könnte man auch sagen: Mobile Recruiting = das Bereitstellen einer mobilen Candidate Experience.

 

Deutschlands wichtigste Unternehmen verschlafen den Mobile-Zug

Meinem Wissenstand nach bietet bislang kein deutsches Unternehmen eine ebensolche. Gerade im Bereich Onboarding hapert es an allen Ecken und Enden, wobei die große Mehrheit bereits mit dem ersten Stichpunkt Probleme hat. Die Mobile Recruiting Studie der KollegInnen der Wollmilchsau GmbH feiert nun bald ihren einjährigen Geburtstag, die Ergebnisse können aber immer noch als aktuell betrachtet werden.

Soll heißen, nur ein Bruchteil der in der Studie notierten (M-/S-)DAX-Unternehmen konnten mit mobilefähigen bzw. mobiloptimierten Webseiten aufwarten. Von mobilen Applicant Trackings Systemen mal ganz zu schweigen.

Diesbezüglich tun sich bis dato lediglich Fresenius, Otto und die Allianz hervor. Dort deckt man die ersten drei Punkte ab – auf jedoch in manchen Bereichen unterschiedliche Art und Weise (zur Funktionsweise der mobilen eRecruiting-Lösung der Allianz habe ich hier gebloggt).

 

Gefangen in der Filter Bubble?

Nun gibt es aber neben den börsennotierten Unternehmen eine deutlich größere Anzahl kleinerer und mittelständischer Betriebe in diesem Land. Bewegen wir uns – und damit meine ich die bekannte HR-Suppe – hier nicht in einer Art Filter Bubble, die dazu verleitet zu glauben, Mobile Recruiting ist das Gebot der Stunde und müsste unbedingt auf die Agenden aller Personalmarketing- und Recruiting-Verantwortlichen; und das am besten seit vorgestern?

Die Antwort ist simpel: ja und nein.

Ja, natürlich wird Mobile Recruiting derzeit heiß in der Szene diskutiert, und speziell größere Unternehmen arbeiten fieberhaft daran, entsprechende Lösungen für mobile Internetnutzer zu schaffen. Also, ja, wir bewegen uns in einer Filter Bubble. Wäre ich ein KMU-Vertreter hätte ich vermutlich für 2014 und womöglich für 2015 noch andere, dringlichere Themen auf meiner To-Do-Liste. Keine Frage. Und um hier Christoph Fellinger auf der HRCM 2013 zu zitieren: „Werden Sie einen Wettbewerbsnachteil haben, wenn Sie in den kommenden ein bis zwei Jahren keine mobile Karriere-Webseite und Stellenmarkt haben? Nein.“ In dasselbe Horn stößt auch Henrik Zaborowski in seinem Blogpost Mobile Recruiting – und warum „nur dabei sein“ (nicht immer) alles ist.

Die Statements beider Kollegen kann ich nur unterschreiben. Grundlegende Sourcing- und Branding-Strategien erarbeiten, Recruiting-, TRM- und Onboarding-Prozesse implementieren und etablieren sowie eine in Print, Online und PoS erlebbare und glaubwürdige Arbeitgebermarke schaffen haben zunächst Vorrang.

Und dennoch: Nein, die angesprochene Filter Bubble ist eben auch ein Teil der Realität. Und auf mittelfristiger Sicht wird sich auch kein KMU davor verschließen können. Mobile ist in beinahe allen Wirtschaftsbereichen angekommen, und fehlt daher in keinem vernünftigen Multi-Access-Ansatz. Darf es auch nicht, wenn man sich die spannende Präsentation Mobile is eating the world von Benedict Evans ansieht.

 

Tatsache Reichweitenverlust

Heißt: Auch kleine und mittelständische Unternehmen sollten sich jetzt Gedanken machen, wie sie Mobile Recruiting sinnvoll für sich nutzen und umsetzen können. Sich erst 2015 damit zu beschäftigen kann unter Umständen – je nachdem wie die eigenen Prozesse aussehen – ins Auge gehen. Denn eines ist klar: Traffic und damit an Aufmerksamkeit (die „Währung“ für uns im Personalmarketing) verliert man ohne mobilfähige bzw. mobiloptimierte Webseiten, Stellenmärkte und Bewerbungsabläufe schon jetzt. Je nach Branche unterscheiden sich zwar die mobilen Zugriffe, aber von vier bis 15 Prozent darf getrost ausgegangen werden. Es bedarf demnach keines Raketenwissenschaftsstudiums, um zu erahnen, dass sich unter den verloren gegangenen Unique Usern auch etliche Talente befunden haben, die der eigenen Firma gut zu Gesicht gestanden hätten.

Wenn Sie also jetzt oder in naher Zukunft an Argumentationspapieren für diverse Gremien, Geschäftsführungs- oder Vorstandsrunden sitzen, tun Sie mir einen Gefallen: Platzieren Sie neben den wichtigen (und richtigen) Marktdaten, ROI-Analysen und Lösungsvorschlägen auch die Geschichte von mymuelsi.de. Ja, Sie haben richtig gehört.

Müsli und Mobile Recruiting sind Geschwister im Geiste. Vor dem Go-Live von mymuesli.de befragten die Gründer potenzielle Online-Käufer über Sinn und Unsinn ihres Vorhabens. Das niederschmetternde Ergebnis: Kein Mensch konnte sich vorstellen, im Internet Müsli zu bestellen (zum Artikel auf gruenderszene.de).

Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal wieder den Spruch hören: Kein Mensch möchte auf dem Handy nach Stellen suchen oder sich darüber auch noch bewerben.

Dominik A. Hahn About Dominik A. Hahn

Als Verantwortlicher für das globale Employer Branding und eRecruiting ist Dominik A. Hahn seit 2012 für den weltweiten Arbeitgeber-Auftritt sowie die Online-Bewerbungsprozesse der Allianz Gruppe zuständig. Dies umfasst neben der Koordination der diversen Länder- und Geschäftseinheiten mit eigenen Recruitment- und Branding-Units, die Betreuung der globalen Karriere- und Social-Media-Channels auch die Weiterentwicklung des weltweiten Online-Bewerbungstools der Allianz Gruppe hinsichtlich Usability, Candidate Management, Prozessgestaltung und Reporting.

Zuvor war Hahn für das Online-Personalmarketing der Allianz Deutschland AG, einer der größten Einheiten innerhalb der Allianz Gruppe, verantwortlich. Seinen beruflichen Ursprung hat der studierte Medien- und Kommunikationswissenschafler, im Bereich Public Relations.

Comments

  1. Hallo Dominik, schöner Beitrag. Gerne möchte ich diesen mit dem Hinweis zu unserem Whitepaper zum Thema Employer Branding ergänzen. Dieses untersucht – basierend auf aktuellen Studien – das digitale Informationsverhalten von Jobsuchenden und leitet daraus erste Anregungen für die Gestaltung mobiler Employer Branding Aktivitäten ab. Vielleicht können wir euch hiermit weitere Anregungen geben: http://virtual-identity.com/story/wissen/mobile-employer-branding

Trackbacks

  1. […] Tat umgesetzt hat. Gerade hat er auf Personalblogger.de diesen spannenden Beitrag veröffentlicht: “Mobile Recruiting ist wie Müsli”. Wer mehr zum neuen Hypethema der HR Szene wissen will, sollte mit diesem Artikel mal anfangen. Und […]

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