Das digitale Leben. Von Abhängigkeit, Zeitkillern und Social Müdia.

Quelle: http://www.innovationsinnewspapers.com/2006/10/old-and-good-times-hats-and-newspapers.html

Auf obiges Mem ist man in seinen zahlreichen Varianten Ende letzten Jahres immer wieder gestoßen. Vor ein paar Tagen ist es in meinem Socialstream erneut aufgetaucht, nachdem ich die Feiertage dazu genutzt hatte, ein paar Tage „off“ zu sein. Kein Facebook, kein Twitter, kein Xing. Google und Internetrecherche allerdings erlaubt (Keine Regel ohne Ausnahme, nicht wahr?). Also nicht wirklich „off“, aber mein soziales Leben sollte zumindest im Analogen stattfinden. Das hat geklappt. Sogar sehr gut. Nicht mal den mir fest vorgenommenen Blogartikel im personalblogger habe ich geschrieben 😉 Aber das hole ich ja in genau diesem Moment nach.

Zurück zum Bild: Technologie oder genauer Medien-Technologie, so die Aussage, machen „asozialer“. Sie verhindern Interaktion, menschliches Miteinander und somit schlicht Sozialität. Der ironische Twist in der Aussage besteht allerdings darin, dass dies auf Zeitungen genauso wie sagen wir mal Smartphones oder Tablets zutrifft. Tauscht man im obigen Bild die Zeitungen mit eben diesen Geräten, dann hat man ein ziemlich treffendes Bild einer heute alltäglichen Situation, auf die man auf dem Weg zur Arbeit oder zurück, auf Reisen, auf Liegestühlen vor dem Hotelpool oder immer öfter auch in Restaurants und dergleichen stößt: Menschen, die auf ihre Bildschirme starren und soziales Leben, das im Digitalen stattfindet.

Technologien der Isolation?

Als ich das Bild zum ersten Mal sah, habe ich mich spontan gefragt, was eigentlich das Alternativprogramm in der dort abgebildeten Situation sein sollte. Statt auf ein Display oder eine Zeitung zu blicken vielleicht die anderen Fahrgäste anstarren? Oder gar ansprechen? Ich für meinen Teil bin nach einem Arbeitstag oft ganz froh, mal nicht sprechen zu müssen und stattdessen mit Hilfe meines Smartphones durch die Weiten des (sozialen) Netzes zu flanieren. Ziellos, assoziativ aber durchaus inspirierend und entspannend. Mit Asozialität hat das alles aber nichts zu tun. Im Gegenteil. Obiges Bild dokumentiert eine gesellschaftliche Norm, eine mediale Praktik wenn man so will, die man eben deswegen auch heute tagtäglich beobachten kann: Man nimmt schlicht Teil, man informiert und verbindet sich; um sich unterhalten, inspirieren oder informieren zu lassen. Was früher Druckerzeugnisse geleistet haben, übernehmen heute eben digitale Medien. Und das zweifellos schneller, individueller und mit vielen weiteren Funktionen versehen.

Es haben sich vor allem die Dimensionen des Ganzen verändert. Man muss sich nur anschauen, wie das soziale Leben heute zu großen Teilen auch im Medialen bzw. Digitalen stattfindet. In seinem Konzept des „Global Village“ hat der Medienthoretiker Marshall McLuhan bereits in den 60ern genau diese historischen Veränderungen im Umgang mit Medien beschrieben. Medien sind Informations- und Kommunikationswerkzeuge, Prothesen des eigenen kognitiven Apparats, und die Digitalität hat schlicht dafür gesorgt, dass eine instantane Vernetzung über geographische und zeitliche Grenzen hinweg ermöglicht wurde. „Global Village“ ist somit eine durchaus treffende Metapher für das Internet geworden. Ob im Zug, an der Bahnstation oder sonst wo: dank Smartphones & Co. steht mir das globale Netz jederzeit zur Verfügung. Und genau hierdurch kommt etwas ins Spiel, was die Zeitungen von damals aufgrund ihrer material-bedingten Limitiertheit nicht leisten konnten: das Smartphone ist eine Medienmaschine und das darüber zugängliche WWW endlos. Genau diese Liaison macht die heutige Medienutzung durchaus zu einem süchtigmachenden Zeitkiller, der zweifellos auch unseren Alltag bestimmt.

Genau wie in obigem Video – dort vielleicht etwas überzeichnet dargestellt – sind Smartphones & Co. heute Realität und genießen eine schier omnipräsente Prominenz. Es handelt sich aber eben nicht um Technologien der Isolation, wie es die kulturpessimistische Öffentlichkeit immer wieder gerne anprangert (Exemplarisch vielleicht ein trotz der Kritik lesenswerter Beitrag stammt von Sherry Turkle: The Flight From Conversation). Studien zeigen immer wieder auch die (zumindest kleinen) positiven sozialen Effekte digitaler Technologien. Wie auch immer man es sehen will: die Sachlage ist vielschichtig. Was bleibt ist jedoch, dass Technologien nicht nur Bedürfnisse befriedigen, sondern immer auch neue erschaffen.

Schöne neue (digitale) Welt

„Es ist eine alte Geschichte, und doch ist sie immer neu. Erst formen wir die Gerätschaften, dann formen sie uns“, so Holm Friebe in seinem lesenswerten Beitrag zur „digitalen Entspannung“ (Lesebefehl!). Er plädiert für eine Versöhnung mit den (Medien)Apparaten. Denn obwohl sie Zeitkiller sind, viele der darüber verbreiteten Inhalte oft nur die Funktion einer digitalen Dorfzeitung übernehmen und stattdessen der leicht konsumierbare „Cat Content“ dominiert – der deswegen insbesondere die „bored-at-work“-Zielgruppe anspricht und so auch noch für immensen volkswirtschaftlichen Schaden sorgt -, erweitern sie doch merklich unsere Handlungsspielräume und eröffnen vielfältige soziale Kontaktflächen. Wir sollten also aufhören, so Friebe, die negativen Begleiterscheinungen zu bejammern:

Trotz allen Unbehagens in den Tretmühlen des Fortschritts sollten aber gerade wir Älteren uns davor hüten, uns das wärmende Wams des Kulturpessimismus überzustreifen. Das Abendland ist schon oft untergegangen, doch niemand ist ernsthaft zu Schaden gekommen. Im Gegenteil: Trotz Schundcomics, Videospielen, Yu-Ghi-Oh! und WhatsApp werden Jugendliche von Generation zu Generation schlauer. Sie haben einen messbar höheren IQ und können mehr Komplexität verarbeiten – auch wenn es bei der Aufmerksamkeitsspanne etwas hapert. Vermutlich sind das die kognitiven Anpassungen eines elastischen Gehirns, die es braucht, um im 21. Jahrhundert zurechtzukommen.

Dass der technologische Fortschritt Auswirkungen auf Generationen hat, davon bin ich überzeugt und lässt sich in vor allem in der Diskussion um die Generation Y sinnfällig aufzeigen. Denn ganz klar: die Kommunikations- und Informationsroutinen heutiger Jugendlicher sind vor allem durch die digitalen Medien geprägt. Man sollte Jugendliche viel öfter bei ihrer Mediennutzung über die Schulter schauen und lernen. Lernen und erkennen, mit welcher lässigen Souveränität sie die Angebotsvielfalt und Herausforderungen im Social Web meistern. Denn wenn – wie wieder aktuell postuliert – immer mehr jugendliche Nutzer Abschied von Facebook & Co. nehmen, so ist das in erster Linie ein Resultat der eigenen Erwartungen an ein derartiges Netzwerk und kein genereller Abgesang aufs Social Web. Statt Facebook ist es heute eben Snapchat, TumblR oder WhatsApp.

Zurück zum Jammern über die schöne neue digitale Welt: Selbstverständlich nervt es, wenn das Gegenüber in einem Gespräch ständig auf sein Display schaut – einer Nokia-Studie zufolge sind das immerhin durchschnittlich ca. 150 mal pro Tag – oder man nach Feierabend die Facebookfreunde der Familie, Partner und Real-Life-Freunde vorzieht. Das ist übrigens nicht nur ein Generationenphänomen. Solche Verhaltensweisen finden sich generationenübegreifend. Die ständige Erreichbarkeit, das Gefühl etwas zu verpassen, der Handlungs und Entscheidungsdruck, der hinter jeder Message oder Posting steht: Das alles kann uns zu Sklaven unserer Geräte und Medien machen. Aber nicht nur das: die ständige Erreichbarkeit via Smartphone und Social Web – das alles kann vor allem auch Stresssymptome erzeugen, müde machen, ausbrennen.

Social Müdia

Vor längerer Zeit hat Stefan Keuchel in einem Workshop zum Thema „Social Media Burnout“ den Begriff „Social Müdia“ in die Diskussion gebracht, der meines Erachtens das Phänomen ganz gut trifft. Gemeint ist einerseits der Effekt durch den wie auch immer gearteten „Information overload“, andererseits eine selbstgewählte Entscheidung, „kürzer zu treten“, also einfach mal abzuschalten. Dahinter steht dasselbe: Medienkompetenz. Also Selektions- und Evaluationsstrategien, Fragen nach Relevanz, Wertigkeit und Alternativen. Fehlt diese Kompetenz, dann kann es schnell zu Überforderung und Ermüdungserscheinungen führen.

Nicht umsonst liest man allerorts Plädoyers für ein „Abschalten“, Reiseanbieter werben für Wlan-freie Urlaubsangebote und einige nutzen das „offline-sein“ als Form einer persönlichen „mental-detoxication“. Im Kontext von Beruf und Arbeit liest man davon, dass Unternehmen den Email-Abruf nach Feierabend unterbinden oder Mitarbeiter schlicht keinen externen Zugang zur IT-Infrastruktur des eigenen Unternehmens besitzen. Aber wie heisst es so schön: Informationen finden auch so ihren Weg. Und wie oft habe ich schon im eigenen Bekanntenkreis beobachtet, dass sich in solchen Fällen die berufliche Kommunikation dann schlicht in den privaten Netzwerken von Facebook, Xing oder Whatsapp abbildet.

Bei Licht besehen betrifft das Problem der Invasion von Kommunikation in den Alltag eine überschaubare Gruppe unselig Zerrissener: Männer im mittleren Alter und mittleren Management, die mit einem Bein als Befehlsempfänger in der alten hierarchischen Arbeitswelt der Industriegesellschaft stehen, mit dem anderen als neue Familienväter in der „Rushhour“ des Lebens. Ihr Konflikt ist der Rollenkonflikt, als Diener zweier Herrn auch dann der Firma zu gehören, wenn sie eigentlich ganz der Familie gehören sollten. Ihr Problem ist also nicht Kommunikation, sondern Ohnmacht (Holm Friebe).

Das Abschalten fällt also nicht leicht. Man muss nur sein eigenes Umfeld beobachten, wenn jemand mal sein oder ihr Handy nicht am Körper trägt und es stattdessen zu Hause auf dem Tisch liegen lassen hat. Dass es dagegen – das Vergessen des besten Stücks – bereits Gadgets wie den Zomm gibt, verrät dabei einiges. Nicht anders ist es mit Nicht-Vorhandenem Internetzugang: ganz egal ob fremdverschuldet oder selbst gewählt. So überrascht es nicht, dass sich auch Sven Wiesner’s Bericht seiner mental-detox-week stellenweise wie eine Entziehungskur liest. Und man mache sich deutlich: es geht in diesem Fall nur um eine Woche „offline-sein“.

Medienkompetenz will gelernt sein

Ein kompetenter, souveränder Umgang mit digitalen Medien ist gefordert. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die Digital-Immigrants geeignete Filter und Nutzungsstrategien entwickelt haben, so dass Abhängigkeit, Zeitfressertum und Internet Müdigkeit kein Thema mehr sind. Dann ist auch das Smartphone auf dem Sofa beim sonntäglichen Tatortgucken kein Problem mehr, gerade dann, wenn der Nutzer daraus rekreative Effekte erzielen kann. Der erste Schritt besteht in der Selbst-Reflexion, darin, den Nutzen der eigenen medialen Praktiken zu erkennen. So, wie es etwa der Social Median Brian Solis für sein Leben im Social Web getan hat:

I’m not addicted. I’m not in need of a digital intervention or digital detox. I intentionally live this connected lifestyle because I find value more times than not. It’s a choice. But, still I wonder. I wonder if the value I get out of my interaction across a dizzying array of networks is right or simply right in the absence of discovering alternative value or utility.

Sein Fazit ist dabei so simpel wie menschlich. Er nennt sie die 5 V’s – (s)ein Relevanzset für die eigenen Social Media Aktivitäten:

1) Vision (I learn something, I’m inspired);
2) Validation (I’m accepted or justified);
3) Vindication (I’m right, cleared);
4) Vulnerability (I’m open); and
5) Vanity (I’m popular, I’m important…not egotism, but accidental narcissism.)

Fünf Gründe also für das eigene Engagement im Social Web, die Brian Solis zufolge nichts anderes sind, als schlichte soziale Bedürfnisse. Das mögen die Gründe sein, weswegen Millionen von Menschen täglich nach Aufmerksamkeit, Inspiration, Empathie oder was auch immer für Stimuli im Social Web suchen. Und in einer vernetzten Welt ist jeder Nutzer zugleich auch Mitgestalter eben dieses Social Webs. Mitmachen bedeutet somit immer auch Lernen. Lernen von anderen und sich und seine Bedürfnisse, Ansprüche und Praktiken besser kennen lernen.“The value we take away from this digital lifestyle must only be surpassed by what we invest in it.“ Ein Satz, den sich jeder Blogger auch auf seine digitale Pinnwand pinnen sollte.

Es ist spät geworden, später als ich geplant hatte. Und es ist Zeit, abzuschalten. Obige Ausführungen sollten einen ersten Blick in ein bzw. unser digitales Leben werfen. Ich nehme das als Auftakt, in den kommenden Beiträgen genauer zu fokussieren und vor allem die digitalen Medienangebote genauer zu analysieren. Die Medien der Zielgruppe, so könnte man es vielleicht nennen. Wofür? Vielleicht als Inspiration für die eigene Personalarbeit, sei es im Personalmarketing, in der Personalentwicklung oder im Wissensmanagement. Brian Solis würde vermutlich sagen, „[because we] seek not only balance, but significance and meaning to help us become something more than an accidental narcissist.“ Klingt gut, wir werden sehen.

Jürgen Sorg About Jürgen Sorg

Mit meiner ersten Email-Adresse 1996 fing meine Leidenschaft für Online Medien an: Internetkommunikation, soziale Netzwerke, MPOGs, Webvideo und Mobile. Das alles fasziniert mich und insbesondere die Frage nach Art, Kontext und Zweck der Mediennutzung. Nach Studium der Medienwirtschaft und -wissenschaften in Siegen und Southampton habe ich mich von 2003 bis 2008 als wissenschaftlicher Koordinator und Mitarbeiter an der Universität Siegen mit dem Umbruch von analogen zu digitalen Medien beschäftigt. Nach Zwischenstationen als Bildungsreferent und Projektmanager in der digitalen Wirtschaft war ich bis Mitte 2015 im Personalmarketing bei der Techniker Krankenkasse für die Social Media Aktivitäten zuständig. Seit 2015 bin ich als Digital Marketing Manager bei der Continental AG.
Meine Favs: Gadgets, asiatisches Kino, Wasabi Nüsse und der südamerikanische Altiplano.

Comments

  1. Lieber Jürgen, schön von Dir zu lesen. Übrigens auf dem Smartphone. Buchtipp von mit in Ergänzung zu Deinen Gedanken: Das Gestell von Norbert Bolz. Harte Lektüre. Aber wer hat behauptet, Technik nahe das Leben einfacher?

    • Hallo Frank,

      dito. Hoffe, wir sehen uns bald mal wieder. Danke für den Buchtip. Von Norbert Bolz habe ich schon was gelesen, „Das Gestell“ kenne ich noch nicht. Ein weiterer Grund also, mal wieder ne Zeitlang „offline“ zu gehen 😉
      Gruß
      Jürgen

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  1. […] Wenn man sich so die Aktivitäten der deutschen Arbeitgeber im Social Web anschaut und auch die „Berichterstattung“ darüber in der HR-Bloggerszene, so könnte man fast den Eindruck haben, der Hype sei verebbt. Hin und wieder gibt es mal hier eine Betrachtung der Aktivitäten auf Facebook Karriereseiten und dort auf Twidda. Das war’s dann aber auch schon im Wesentlichen. War’s das denn wirklich? Sind die Top Employer social müdia? […]

  2. […] bei der Techniker) vor einigen Tagen diesen absolut lesenswerten Artikel über “Das digitale Leben. Von Abhängigkeiten, Zeitkillern und Social Müdia” veröffentlicht. Chapeau, Jürgen! Sehr differenziert, sinnig und überlegt – und für […]

  3. […] Lead digital: Image im Netz: So setzt sich das Gesicht einer Marke zusammen personalblogger: Das digitale Leben. Von Abhängigkeit, Zeitkillern und Social Müdia. PR-Doktor: Haben Sie auch einen Social-Media-Kater? hilker: Content Marketing und PR im Web 3.0 […]

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