Die Generation Y? Gibt’s gar nicht!

Karriere trifft Sinn TypologieWas haben ein Blondinenwitz, eine Gruppenarbeit an der Uni und ein Generation Y Artikel gemeinsam? Richtig… sie alle leben von Pauschalurteilen.

Schon seit einiger Zeit beschleicht mich ein ungutes Gefühl, wenn ich über DIE Generation Y spreche. „Hah, endlich!“ mag jetzt der ein oder andere Leser denken. Wirft man einen Blick unter die einschlägigen Artikel in der Publikumspresse, so wimmelt es von protestierenden Vertretern der verschiedensten Generationen, die sich gegen Verallgemeinerungen, mangelnde Recherche, populärjournalistischen Auswüchse oder vermeintliche Ich Bezogenheit des Journalisten verwahren, der so schlimm fälschliches über Generation X, Y, Z verbreitet. Der/die Arme! Kommt man doch nicht umhin bei der Beschreibung von Generationen auf Stereotypen zurückzugreifen. Diese – und dazu stehe ich – stimmen in ihrer Tendenz überein, solange man sich an seriöse Studien hält. Dennoch gelten nicht alle Eigenschaften für jedes Individuum innerhalb einer Altersgruppe. Zuviele andere Parameter beeinflussen deren Werte und Verhalten: individuelle Sozialisation, Umfeld, Lebenssituation etc. Und wo gerade die Vertreter der Generation Y derzeit rauf und runter diskutiert werden, verdienen sie eine differenziertere Beschreibung.

Schon früher habe ich in meinem Blog „Recruiting Generation Y“ über eine amerikanische Studie im Auftrag von BCG geschrieben, die die Millennials in verschiedene Cluster aufteilt. Etwas ähnliches hat nun der Bloggerkollege Gero Hesse mit seiner Firma embrace getan. In Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Christoph Beck von der Hochschule Koblenz wurden Werte und Einstellungen von Vertretern der Gen Y anhand der Mitglieder des careerloft Netzwerks untersucht. Wie zu erwarten ist die Gruppe der 20-30 Jährigen gar nicht so homogen, wenn man erst einmal genauer hinschaut. So fanden sich fünf unterschiedliche „Typen“ Cluster – übrigens interessanterweise gleichmäßig verteilt auf alle Studienrichtungen:

  • Karriere-Kai: ehrgeizig, verheiratet mit dem Job, extrinsisch motiviert
  • Sucher-Simon: ziellos, farblos, zufrieden wirkend
  • Familien-Franzi: familienorientiert, extrinsisch motiviert, traditionell
  • Alles-Anna: ambitioniert, interessiert, engagiert
  • Helfer-Hannes: intrinsisch motiviert, wertorientiert, engagiert

Jede dieser Gruppen teilt eine der oben beschriebenen Grundhaltungen – obgleich sie doch alle derselben Generation angehören. (Mehr zu den einzelnen Ergebnissen hier). Einen Schritt weiter geht die nächste Studie.

Denn embrace beschäftigt sich nur mit Akademikern im Studium. Streng genommen ist das zu kurz gegriffen und ein häufig in Kommentaren geäußerter Kritikpunkt. Je länger ich mich mit Millennials beschäftige, desto klarer wird mir, dass wir uns – und das meine ich auch in Hinblick auf einen Großteil meiner Beiträge zum Thema durchaus voller Selbstkritik – in all diesen Artikeln immer nur auf einen bestimmten Teil der jungen Generation fokussieren: dem gut ausgebildeten, der sich seine Jobs aussuchen kann.

Da ist aber noch mehr. So spricht Prof. Hurrelmann, Professor an der Hertie School of Governance Berlin und langjähriger Leiter der Shell-Jugendstudien, im Rahmen der Shell Jugendstudie 2010 von 15%-20% der Jugend, die „abgehängt“ sind – deren Ausbildung nicht ausreicht, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Wo tauchen diese in den Artikeln auf?

Widmet man sich der Sinus-Jugendstudie „u18“, die 2012 speziell für die Gruppe zwischen 14 und 17 Jahren ausgewertet wurde, ergibt sich das für mich spannendste Bild der Generation. Angelehnt an die klassischen Sinusmilieus zeigen sich folgende Lebenswelten: Expeditive (20%), Sozialökologische (10%), Adaptiv-Pragmatische (19%), Experimentalistische Hedonisten (19%), Materialistische Hedonisten (12%), Konservativ-Bürgerliche (13%) und Prekäre (7%).

Sinus-Lebensweltenmodell u18 - Kurzbeschreibungen

Es finden sich sowohl in der Shell-Jugendstudie als auch in der Sinus u18 einige bemerkenswerte Übereinstimmungen: Der Druck, den die Jugend in Hinblick auf Bildung verspürt, als Voraussetzung um ihre (übrigens erstaunliche konservativen) Lebensziele in einer Leistungsgesellschaft zu erreichen. Die Zuwendung zu traditionellen Werten wie Sicherheit, Familie, Freundschaft. Keine großen Utopien sondern mehr ein abgeklärter Realismus. Eine grundsätzlich zuversichtliche Zukunftshaltung trotz gleichzeitigem mangelnden Vertrauen in die großen staatlichen Institutionen. Die Sinus u18 Studie spricht hier von „Bewältigungsoptimismus“: sie kümmern sich zuvorderst um das eigene Fortkommen. Ingesamt handelt es sich um eine Jugend, die nicht rebelliert, sondern sich „friedlich vom Elternhaus entfernt“. Die in der Studien noch folgenden einzelnen Beschreibungen der Lebenswelten sind hoch spannend. Wer einen differenzierten Blick auf die Generation haben möchte – findet ihn dort.

Wohin nun also mit der Generations-Schublade? Ich stehe weiterhin dazu, daß man verallgemeinernd über Generationen sprechen darf – solange man seine Aussagen weniger auf Stammtisch Weisheiten als auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützt. Und solange man berücksichtigt, daß der Einzelne immer mehr ist, als ein einfacher Durchschnitt aus allen anderen.

 Zum Nachlesen:

Mehr Studien zur Generation Y und anderen Generationen finden sich hier. Dieser Artikel tauchte im Original auf dem Recruiting Generation Y Blog auf.

Comments

  1. Ich kann dem Artikel voll und ganz zustimmen. Natürlich kann man über die Generation Y schreiben, aber man sollte die Individualität nicht außer Acht lassen und genauso wenig die Ähnlichkeiten zu den Vorgenerationen. Die Jungen haben heute schließlich weiterhin ähnliche Wünsche aber auch Sorgen, was den Arbeitsplatz betrifft. Natürlich hat es auch einen Wandel in der Arbeitswelt gegeben durch Globalisierung, verstärkte Automatisierung etc, aber dies muss ja nicht bedeuten, dass sich die Vorstellungen und Werte bezüglich Arbeit stark verändert haben. Es gibt weiterhin Arbeitnehmer, denen ein sicherer Arbeitsplatz besonders wichtig ist und genauso gibt es ständige Jobwechsler, die ständig auf der Suche nach dem perfekten Job sind oder bei Problemen schnell den Arbeitsplatz wechseln. Oftmals wird in Artikeln aber angedeutet, eines von beiden wäre besonders typisch für die Generation Y. Es stimmt außerdem, dass diejenigen mit einer unzureichenden Ausbildung kaum in den Artikeln Beachtung finden, obwohl sie leider einen hohen Anteil stellen.

  2. Was ist denn mit der Generation ABC ? Interssiert die einen noch ?

Trackbacks

  1. […] In eine ähnliche Richtung geht auch Christoph Fellinger in seinem Beitrag „Die Generation Y? Gibt’s gar nicht!“ […]

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