Eine Bewerbung to go, bitte! – Wir suchen Azubis. Keine Bewerbungsmappen.

Als wir vor ein paar Jahren anfingen, unsere Bewerbungszahlen detailliert auszuwerten, fielen uns schnell ein paar interessante Dinge auf, die uns vorher gar nicht so bewusst waren. Klar, die Bewerbungszahlen nehmen ab, aber das war ja nichts Neues. Auch dass wir mindestens zwei unterschiedliche Zielgruppen beim Ausbildungsmarketing haben, die darüber hinaus bei der Ausbildungs- oder Studienplatzsuche nicht nur unterschiedlich alt und selbstständig, sondern auch unterschiedlich internetaffin sind, war uns nicht neu (Abiturienten und MSA-Absolventen). Was uns aber etwas beunruhigte, war der Fakt, dass wir einige Berufsbilder anbieten, die wesentlich schlechter als die anderen nachgefragt werden. Und dazu noch jedes Jahr etwas weniger. Da hatten wir also unsere große Baustelle.

Blitzbewerbung 01

Als ich dann im letzten Jahr mit meiner Kollegin Katja Lohse auf einem Workshop zum Thema „Azubimarketing“ war, wurde dort ziemlich schnell über den demografischen Wandel und die aktuellen Erfahrungen mit den Bewerbern diskutiert. Und wie sich die Zeiten verändert haben: Man vermisse gute Bewerbungsschreiben und man hat immer mehr mit mangelnder Schulbildung zu tun. Viele Bewerber sind kaum noch in der Lage, wirklich gute Bewerbungsschreiben zu formulieren, die Rechtschreibkenntnisse sind schlechter als damals und die Schulnoten ebenso. Überhaupt war ja früher alles besser… Das mag vielleicht auf einige Bewerber und Bewerberinnen mehr zutreffen als damals, aber schnell haben meine Kollegin und ich uns gefragt, was diese Diskussion eigentlich ändert. Nämlich nichts. Vielmehr müssen wir uns auf die Bewerber und Bewerberinnen einstellen und gegebenenfalls ihnen noch mehr entgegenkommen.

Während also alle leidenschaftlich diskutierten, warum das so ist, überlegten wir lieber, was wir als Unternehmen machen können, um die Hürde, sich bei uns zu bewerben, zu senken. Schließlich brauchen wir ja Bewerber, um unsere Ausbildungsplätze zu besetzen. Die Fragen, die wir uns in diesem Zusammenhang stellten, waren:

  • Sind wirklich alle Bewerber gleich internetaffin?
  • Können alle mit Online-Bewerbungssystemen umgehen? Oder wollen die das überhaupt? (Sowas kann ja zeitaufwändig sein, gerade, wenn man sich bei mehreren Unternehmen bewirbt.)
  • Weiß jeder, wie man aus einem Papierzeugnis oder unterschiedlichen Dateiformaten ein handliches PDF macht?
  • Wie viel Eigenleistung steckt hinter der Bewerbung?
  • Ist das Anschreiben von Neuntklässlern tatsächlich aus der eigenen Feder oder vielleicht doch aus dem Internet? Und macht es dann eigentlich noch Sinn, ein Anschreiben zu verlangen, wenn der Text bei den meisten sowieso den gleichen Inhalt hat?
  • Was steht denn so wichtiges im Lebenslauf eines Haupt- oder Realschülers, das für eine Bewerbung unbedingt von Belang wäre?

Ist es vielleicht Zeit, mal was Neues zu probieren?

Ein weiterer Punkt, der dafür spricht, ist der Umstand, dass bei nur wenigen Bewerbungen für einen Beruf die Auswahl der Bewerber so gering ist, dass aus praktischen Gründen meist alle Bewerber und Bewerberinnen zum Einstellungstest eingeladen werden. Ganz egal, wie aussagekräftig das Anschreiben ist. Warum dann also noch darauf bestehen? Und wenn wir mal ehrlich sind, wir wollen doch Bewerber und keine Bewerbungsmappen, oder nicht?

Blitzbewerbung 03

So kamen wir auf die Idee, für ausgewählte technische Berufe (also die, für die wir zu wenig Bewerbungen bekommen) eine Art Instant-Bewerbung zu entwickeln. Dabei handelt es sich um ein vorgefaltetes, analoges Formular, das an einem frankierten Umschlag hängt. Mit unserer „Blitzbewerbung“ können unsere Bewerber eine vollwertige Bewerbung in unter 10 Minuten erstellen. Und das ganz ohne Rechner oder Hilfe vom Internet und den Eltern. Es werden lediglich die Formularfelder für die Stammdaten ausgefüllt (Name, Adresse, Foto, Kontaktdaten, Schulabschluss & Datum des Abschlusses, Erfahrungen aus Praktika), der Ausbildungsberuf angekreuzt, die letzten Zeugniskopien im Umschlag verstaut, und dann ist die Bewerbung auch schon fertig. Jetzt nur noch in den Briefkasten! Warum sollte man sich bei uns nicht bewerben, wenn das so einfach ist?

Mittlerweile sind die Prototypen gedruckt und die ersten Exemplare bereits verteilt. Erstmalig wollen wir in diesem Jahr testen, ob unser Plan aufgeht und wir dadurch für unsere „Problemberufe“ mehr Bewerbungen erhalten. Und damit wir wissen, welche Messen, Veranstaltungen oder Verteilungskanäle am erfolgreichsten waren, haben wir alle Prototypen selbstverständlich durchnummeriert. Wir sind gespannt, ob unsere Idee aufgeht. Zumindest die ersten Rückmeldungen von der Ausbildungsmesse vor zwei Wochen waren jedenfalls schon mal sehr gut.

Blitzbewerbung 02

Jacky Simanzik About Jacky Simanzik

Passionierter Marketer & Personaler bei den Berliner Wasserbetrieben, Social Media-Don Quichote im öffentlichen Dienst, Ausbilder für "irgendwas mit Medien", Fotograf, Web2.0-Ausprobierer und Katzenbild-Konsument, Möchtegern-Blogger, Digital Native und natürlich Videogame-Nerd. Klar.

Gelernter "Specialist in media- and informationservices" (= Fachangestellter für medien- und Informationsdienste). Azubi-Webseiten- und Azubiblog-Verantwortlicher. Kreatives Mitglied im Team Ausbildungsmarketing.

Comments

  1. und? schon Ergebnisse da?

    • Hallo,
      ich bin Ihnen ja noch eine Antwort schuldig, von dieser Bringschuld möchte ich mich so kurz vor dem Jahreswechsel noch fix befreien. 🙂

      Also die Idee der Blitzbewerbung funktioniert – und zwar in erster Linie als Marketinginstrument. Sie ist unser Türöffner und über sie wird gesprochen.

      Die Idee war, die Bewerbungshürde für technisch-gewerbliche Berufe zu senken und mehr Bewerbungen für die Berufe, bei denen wir Nachwuchssorgen haben, zu bekommen. Das hat insgesamt semi-überzeugend funktioniert, weil die Zahl der zurückkehrenden Blitzbewerbungen etwas unter 5% liegt.

      Dafür schlägt sie als Marketinginstrument ein wie eine Bombe und ist ein prima Türöffner bei Multiplikatoren aller Art. Wir haben die Blitzbewerbung in den letzten Monaten gezielt über diverse Kanäle verteilt – an interessierte Mitarbeiter für den Nachwuchs oder den Freundeskreis, auf Berufsorientierungsmessen an potentielle Bewerber, an Berufsorientierungslehrer, an Berliner Oberstufenzentren mit Technik-Schwerpunkt, an die Agentur für Arbeit und und und…

      Überall gab es die selbe, lobende Reaktion: Es den Jugendlichen bei der Bewerbung so einfach zu machen, sei eine gute Sache und unterstützenswert. Der Marketingeffekt dieses Ansatzes ist also weit höher, als der Nutzen für einen zusätzlichen Bewerbungskanal.

      Wir haben die Idee in den letzten Wochen auch noch einmal weiter gedacht und eine Aktion gestartet, bei der sich die Bewerber direkt an unseren Dienstfahrzeugen, bei den Kollegen die im Stadtgebiet unterwegs sind, bewerben können. Das ging mit der Blitzbewerbung und ein paar einfachen Ergänzungen relativ leicht zu organisieren. Wer möchte, der rbb hat mitgeschnitten:

      http://mediathek.rbb-online.de/tv/Abendschau/Abendschau-07-12-2015-19-30/rbb-Fernsehen/Video?documentId=32097366&topRessort=tv&bcastId=3822076
      (ab Minute 20:33)

      Nicht verheimlichen möchte ich natürlich auch die kleinen Schattenseiten – denn die Blitzbewerbung macht natürlich unseren Kollegen in der Ausbildung etwas mehr Arbeit als eine normale Bewerbung. Sie ist wegen der Klebeflächen schwieriger zu öffnen und man muss in der Regel nahezu alle üblichen Anlagen der Bewerber nachfordern. Denn, wer sich so schnell bewerben kann, lässt auch gern alles, was zusätzlich Zeit kostet, erst einmal weg.

      Liebe Grüße
      Jack

  2. Hallo Herr Simanzik,

    haben Sie schon Ergebnisse? Ich bin sehr gespannt, wie Ihre außergewöhnliche Idee angekommen ist – und auch, ob Sie bereits Aussagen über die Nachhaltigkeit machen können, beispielsweise in Bezug auf Ausbildungsabbrüche.

    Freundliche Grüße aus Bremen

  3. Gute Idee Herr Simanzik,

    noch ein Vorschlag zur Optimierung: Verzichten Sie auf das Bewerbungsfoto.

    Immer wieder sehe ich wie sich auch erfahrene Personaler vom ersten Eindruck des Bildes beeinflussen lassen. Dabei hat dass Foto wegen all der schönen Photoshop Optionen fast keine Aussagekraft über die wirkliche Person.

    Im Studium habe ich die Wirkung von Fotos einmal bei meinen Kommilitonen getestet: Zwei Kandidaten für die Position eines Finanzvorstandes: Ein Europäer und ein Südländer/Mexikaner.

    Fast alle wählten den Europäer. Er wirke ehrlicher, kompetenter, verantwortungsbewusster.

    Sie ahnen es schon: Der Europäer war der Betrüger Jon Emery – der Mexikaner war Carlos Slim. (Der reichste Mann der Welt)

    Fotos sprechen zu unserem Unterbewussten – und leider all zu oft zu unseren Vorurteilen.

    • Hallo,

      natürlich ist das Foto nur optional und muss nicht zwangsläufig angefügt werden. Das wird soweit auch verstanden, wie die zurückkehrenden Exemplare uns verraten. Wir verzichten also auch auf das Foto, wenn der Bewerber keines hat oder uns keines mitschicken möchte. Finde ich okay.

      Dass man sich als Personaler von den Bewerbungsfotos beeinflussen lässt, ist mir auch klar, ich bin da sehr reflektiert. Das ist ja kein neues Problem. 🙂 Ich finde auch Vorurteile nicht so schlimm, solange man sich deren bewusst ist und die Annahmen auf ihre Richtigkeit überprüft. Letztendlich ist der wirklich entscheidende Faktor aber das Bewerbungsgespräch, denn hier lernt man am ehesten den Menschen hinter der Bewerbung und seine Motivation kennen. Und das ist zumindest uns wichtiger als die richtigen Noten oder das richtige Foto.

      Übrigens: Gephotoshopte Bewerbungsfotos habe ich in meiner Zeit als Ausbilder noch nicht gesehen, eher zurechtgeschnittene Privatfotos oder Automatenfotos. Schade eigentlich. Zumindest für den Medienberuf, den ich ausbilde, wäre mir der Versuch zumindest schon mal einen kleinen Pluspunkt wert. 🙂 Meine Erfahrungen führen aber eher zu der Annahme, dass die wenigsten Bewerber tatsächlich zu einem Fotografen gehen und sich gute Bewerbungsfotos für teuer Geld anfertigen lassen.

      Liebe Grüße
      Jack

  4. Hallo Herr Simanzik,

    nette Idee, wie ich finde. Auch das Design, sagt mir persönlich zu. Jedoch ist meine Meinung, dass gerade bei Bewerbern um einen Ausbildungsplatz, die weder mit Referenzen noch optischen Highlights glänzen können, mein Fokus eher in Richtung Orthographie und Engagement rücken würde (nicht meine Profile). Sicher lässt sich das auch im persönlichen Gespräch ergründen, aber dazu kommt es im Zweifel gar nicht. Ich glaube der Ansatz fördert zudem noch diese „fire and forget“ Attitüde, die ich seit einer Weile beobachte, die aber nur in speziellen Berufsgruppen angebracht ist. Frei nach dem Motto, ich schick‘ Dir mal meinen Lebenslauf, guck, ob du mich irgendwo unterbringst.

    Ich denke, die Reichweite, den Bekanntheitsgrad und die Arbeitgebermarke stärken, wäre qualitativ und quantitativ der erfolgreichere Ansatz. Aber das ist eben auch eine Auffassungssache und nicht zuletzt eine Budgetfrage.

    Jedenfalls viel Erfolg damit. Der Blog hat es immerhin ein meine Bookmarkleiste geschafft und ich würde mich freuen, wenn Sie Ihre Ergebnisse dann später mit uns teilen und ich falsch liege. 😉

    • Hallo Herr Terp,

      ich verstehe Ihr Argument, nur ohne Bewerber im Prozess lässt sich ja weder die Orthografie noch deren Engagement vergleichen. Zudem hoffen wir, dass
      die 15 bis 18-Jährigen noch nicht ganz so abgeklärt sind, wie vielleicht ältere Bewerber oder Professionals.

      Immerhin zeigen unsere bisherigen Erfahrungen, dass unsere Beschäftigten mit Kind im richtigen Alter, oder mit Kontakten zu den Lehrern, sehr von unserer Idee beigeistert sind. Was allerdings bei diesem Piloten am Ende bei rum kommt, werden wir abwarten müssen. Sobald es da was auszuwerten gibt, schreib ich noch mal was dazu. 🙂

      Beim Thema Reichweite, Bekanntheitsgrad und Arbeitgebermarke gebe ich Ihnen natürlich vollkommen Recht. 😉

      • Hallo Herr Terp,

        die Blitzbewerbung in dieser Art ist nur für eine kleine Gruppe von Berufen gedacht. Bei diesen technischen Berufen steht tatsächlich Schreibgewandtheit und Orthographie nicht im Vordergrund. Wichtig ist uns bei den jungen Leuten in den Fokus zu rücken und mit Ihnen ins Gespräch zu kommen.

        Die Zielgruppe ist sehr jung, daher sind Referenzen bzw. Erfahrungen kaum ausschlaggeben, der Großteil der potentiellen Bewerber kommt schließlich direkt von der Schule. Bei Form und Optik der Bewerbung erwarten wir bei den technischen Ausbildungsberufen auch kein Wunderwerk.

        Machen wir uns nichts vor. Die Individualität der Bewerbungen für einen technischen Ausbildungsplatz sind in der Realität relativ begrenzt. Und wenn wir es schaffen, durch den Abbau der Bewerbungsbarriere die jungen Leute erst mal zum Test oder zu einem Gespräch zu uns zu bringen, haben wir als Unternehmen die Chance den Bewerber auch von uns oder dem Beruf zu überzeugen.

  5. Hallo Herr Simanzik,
    das ist sicherlich ein Ansatz den Unternehmen wählen können. damit nimmt man Verfechtern der These “ Jugendliche sind nicht in der Lage sich zu bewerben“den ersten Wind aus den Segeln. Sie haben sicher gestellt das Sie diejenigen Informationen erhalten, die für das Unternehmen von Interesse sind. Aus meiner Sicht ändert das aber wenig an der Anzahl der Bewerbungen in speziellen Berufsbildern. Auch wenn die Hürde der Formalitäten die es zu überwinden gering sind, so wird der Ausbildungsberuf doch nicht „Sexy“. Aus meiner Sicht liegt der Vorteil nur darin, dass Ausbilder sich nicht länger über schlechte, oberflächliche Bewerbungen ärgern müssen.

    • Hallo Frau Grosse,

      lieben Dank für Ihren Kommentar. Natürlich ist die „Blitzbewerbung“ nur ein Teil unseres Ausbildungsmarketing-Orchesters. Wir hoffen dabei natürlich schon etwas, das die Einfachheit dieser Methode dafür sorgt, dass der eine oder die andere eine Bewerbung mehr rausschickt. Dass wir nebenbei auch noch etwas tun, damit sich die Faszination und Begeisterung unserer Azubis für ihren Beruf auf Bewerber überträgt, ist für mehr Bewerbungen natürlich genauso Vorraussetzung. Klar. 🙂

    • Hallo Frau Grosse,

      wir haben schon die Hoffnung, dass sich an der Anzahl der Bewerbungen verändert. Wenn die Barriere eine umfangreiche Bewerbung zu schreiben entfällt, ist ein Jugendlicher vielleicht auch geneigt sich „einfach mal zu bewerben“. In dem Alter sind viele junge Leute noch nicht 100% festgelegt und haben eher eine Richtung als Berufswunsch im Kopf als eine ganz konkrete Vorstellung. Der Ansatz ist daher auch Unentschlossene, die sich für ähnliche Berufe interessieren eine Bewerbung bei uns abzugeben. Ein gutes Beispiel ist die Ausbildung zum
      Elektroniker. Dieser Beruf ist bekannter (und beliebter) als der von uns angebotene Elektroniker/in für Automatisierungstechnik.

      Ist erstmal ein Kontakt entstanden haben wir als Wasserbetriebe im Gespräch die Möglichkeit für den Beruf und unser Unternehmen zu werben.

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