Jahresrückblick 2024: Absageagentur Kwertili geht an die Börse

Dezember ist der Monat der Jahresrückblicke. Auch bei mir, aber: Als Blogger ist man ja seiner Zeit voraus. Ehrensache. Darum blicken wir schon heute zurück auf die Highlights des Jahres 2024. Dieses Jahr stand ganz im Zeichen eines aufsehenerregenden Börsengangs. Die Wirtschaftswoche titelte in ihrer Ausgabe vom 24. März 2024:

«Spektakulärer Börsengang: HR-Liebling Kwertili will es wissen»

Es war vermutlich das Jahr 2014, also vor 10 Jahren, da war der Begriff der Candidate Experience in aller Munde. Also die Summe aller Erlebnisse, die Kandidaten im Bewerbungsprozess bei Unternehmen erleben. Ein wesentlicher Teil dieser Erfahrungen bildeten bereits damals die Absagen an Bewerberinnen und Bewerber. Es gab immerhin bereits erste Unternehmen, die diesem Aspekt eine grosse Bedeutung zuschrieben. Die Unternehmensberatung Kienbaum veröffentlichte ein Ranking der besten Absageschreiben und die Wiener Identitäter identifizierten in den allermeisten dieser Schreiben einen veritablen Gähn-Alarm. Absageschreiben waren noch keine eigene Kategorie bei der Verleihung der goldenen Runkelrübe, aber wohl zusammen mit den Arbeitszeugnissen die unpopulärste Aufgabe der Personaler. A propos Arbeitszeugnisse: Deren Abschaffung wurde ebenfalls 2014 lanciert – mit einer Volksinitiative in der Schweiz, welche dann bekanntlich fünf Jahre später im viel beachteten gesetzlichen Verbot, Arbeitszeugnisse auszustellen, mündete. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Absageagentur Kwertili: Überflieger der HR Szene

In Jahr 2014 gründete Jürg-Heinz Schmidli – nachdem er das Frechmut-Buch 18 mal komplett durchgelesen und einzelne Passagen fehlerfrei rezitieren konnte, seine Absageagentur Kwertili. Der Name Kwertili ist ein Ausdruck aus „Suaheli“ und heisst mehr oder weniger frei übersetzt: In guter Erinnerung bleiben. Damit traf er einen Nerv der Zeit. Denn damals, 2014, reifte die Erkenntnis in immer mehr Unternehmen, dass ein guter „letzter Eindruck“ im Bewerbungsverfahren wichtig ist. Sei es, um die Bewerber als potenzielle Käufer nicht zu vergraulen, sei es, um die „Abgesagten“ für künftige Bewerbungen bei Laune zu behalten. Die standardisierten Absageschreiben erfüllten diesen Zweck immer weniger, neue Ideen waren gefragt.

Schmidli bot also Firmen an, interessanten Bewerber/-innen, die es im Auswahlverfahren fast, aber nicht ganz geschafft hatten, im Auftrag der Unternehmen persönlich abzusagen. Er und sein zu Beginn kleines Team nahmen dieses „persönliche Absagen“ wörtlich und überbrachten die Botschaft selber und ganz persönlich zu Hause am Wohnort der Bewerber/-innen. Sie klingelten an der Haustüre und erklärten die Gründe für die Nichtberücksichtigung im individuell-persönlichen Gespräch, oft auch bei einer Tasse Kaffee. Das schlug damals ein wie ein Bombe. Die Firmen wurden von positiven Feedbacks der Abgesagten überschwemmt, die Wiederbewerbungsrate stieg auf 78 Prozent. Gerüchten zu Folge sollen gar Mitarbeitende enttäuscht gewesen sein, als sie keine Absage und stattdessen den Job erhielten.

Premium Line

Kwertili wuchs beständig und erweiterte sein Sortiment. Zusätzlich zu den persönlichen Absagen können Unternehmen heute auch die Kwertili Sorry-Bags mit dazubuchen – Taschen, die Produkte von Sponsoren enthalten und die Nichtberücksichtigung etwas versüssen sollen. Lindt&Sprüngli, Tempo oder auch Dr. Fuchs Beruhigungstees nutzen diesen Kanal seit längerem. Mittlerweile nutzen europaweit 600 Unternehmen diese persönlichen Absageservice, Kwertili beschäftigt über 1400 (Teilzeit-) Mitarbeitende, die in den grünen (die Farbe der Hoffnung) Elektro-Vespas im Dienste der Absagen unterwegs sind.

Kurz vor dem Börsengang hat Kwertili kürzlich eine Premium Line initiiert. Dort überbringen ausgesucht attraktive Absage-Botschafterinnen und Botschafter die Nichtberücksichtigung für den Job. Für 499 Euro gibt’s dann als Trostpflaster ein individuelles Absageschreiben auf handgeschröpftem Papier, einen Montblanc-Kugelschreiber, individualisiertes Notizpapier mit Initialen, eine Cohiba und eine Magnum-Flasche Dom Pérignon. Dieser Dienst wird bereits von mehreren Headhuntern genutzt.

Das Unternehmen setzt in seinem Marketing nicht nur auf ein einprägsames Logo, sondern auch auf einen eingängigen Song. Dieser ist die Rap-Version eines uralten Schweizer Volksliedes. Es heisst im Original: Nach dem Regen, scheint die Sonne. Hier die Chanson-Version:

 

Ach übrigens, wohl müssig zu erwähnen, wer Kwertili erfunden hat, oder? Die Schweizer natürlich. Und die Schweizerinnen natürlich auch.

Auf Wiederlesen in 2025 – oder auch ein bisschen früher

 

Joerg Buckmann About Joerg Buckmann

Jörg Buckmann bloggt aus der Schweiz - er wird immer wieder auch Themen einbringen, die vieleicht in Deutschland etwas weniger bekannt sind. Jörg Buckmann, 43, ist seit fünf Jahren zusammen mit seinem HR-Team bei den Verkehrsbetrieben Zürich für viele Themen der Personalarbeit zuständig - sein Herz schlägt aber besonders für Fragen des Personalmarketings und der Personalgewinnung. Diese Leidenschaft lebt er auch in seinem eigenen Blog "blog.buckmanngewinnt" aus. Die VBZ haben in der Vergangenheit immer wieder mit guten Ideen für positive Schlagzeilen gesorgt und sind unter anderem Preisträger des Queb für die beste Recruitingkampagne 2011 und Gewinner des HR-Contests der DGFP 2011 in Wiesbaden.

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