Bricolage, Antropofagia und Frechmut. Mit Rückblick in den Ausblick für das HR-Jahr 2015

Donnerstag, 20 Uhr. Feierabend. Und zwar mein erster Arbeits-Donnerstags-Feiertag in diesem neuen Jahr. Und es ist #frechmut-thursday.
Grund genug also, meinen eigentlich für heute anvisierten Sofa-Abspannungs-Timeout zu canceln und mich an meinen ersten Blogbeitrag im Jahr 2015 zu machen. Denn – so eine der fünf Frechmut Essenzen – Tun lautet die Devise. Oder wenn es besser passt eben: Machen. Schreiben. Entscheiden. Ausprobieren. Egal. „Just do it“, wie es bei Jörg Buckmann heißt. Und ja, das könnte doch auch ein schönes Plädoyer für dieses Jahr sein. Machen! Aber was? Und wie?

Machen? Klingt banal? Vielleicht….könnte immerhin so auch in jedem Lebens-Ratgeberbuch stehen. Nichtssagend und auch irgendwie allgemeingültig. Gemeint ist aber mehr. Es geht um den Mut beim Machen, um das Ausprobieren. Darum, auch Fehler zu machen und eigene Grenzen auszuloten. Und wann wenn nicht zu Beginn eines neuen Jahres darf man auch etwas plakativer sein.

Aber was hat das Ganze nun mit dem Titel des Beitrags – Bricolage und Antropofagia – zu tun? Was steckt dahinter? Und was ist der Frechmut-Thursday? Und kann man – wenn man sich das Ganze schon antut – wenigstens etwas gewinnen? Um es direkt vorwegzunehmen: Viel – Viel – Komme ich gleich zu – Ja.

Frechmut, Vernetzung und Vertrauen

Beginnen wir mit dem Frechmut-Thursday, denn das ist schnell abgehandelt. Jörgs Buch sollte den meisten hier bekannt sein. Somit auch das Konzept. In der Woche nach dem großartigen weltweit ersten klimaneutralen Netzwerktreffen für frechmutige Personalerinnen* dann folgender Antrag:

Und wie sollte es anders sein: Tataaa, der Frechmut-Thursday war – dank Dirk Steinmetz – ausgerufen:  

Und da der Donnerstag im Social Web zudem noch als Throwback-Thursday dient, eine hervorragende Gelegenheit für mich, das neue Jahr auch mit etwas Rückblick aufs letzte Jahr zu beginnen. Denn wie heißt es in der Definition zur Popularität des #Throwback #Thursdays oder #TBT so schön:

People love to get nostalgic about their childhood, old friends and relationships, popular culture trends that are long gone, past trips or vacations and all sorts of other things that bring back happy memories. That’s really all there is to it.

Gelegenheit für (HR-)“Happy Memories“ gab es im letzten Jahr einige. Und für mich war es sicher auch das „Frechmut“-Projekt und die vielen daran anschließenden Events, Treffen, Diskussionen, die ich persönlich auch dieser „Idee“ oder diesem „Spirit“ subsumieren würde. Sei es Jörgs Buchvernissage, das HR BarCampHenners Netzwerktreffen, die Future of Work mit den ehrenwerten Umbertos oder der Erfahrungsaustausch bei Bernd und der Sick AG (um nur einige zu nennen). Es geht um offenen Austausch, Vernetzung, das Teilen von Wissen und Erfahrungen. „Geben ist seliger denn nehmen“, zitiert Jörg ein geläufiges Bonmot in seinem Buch. Und darum geht es bzw. sollte es doch gehen. Denn das schafft Vertrauen. Und Vertrauen kann so schlecht nicht sein, oder? Eignet sich also gut für ein motivierendes Leitwort für das HR Jahr 2015. Gerade jetzt, da das Jahr 2015 doch das Jahr der Kandidaten ist und Vertrauen bzw. Vertrauensaufbau Voraussetzung für die Personalgewinnung sein sollte:

 In dem Wort Personalgewinnung steckt nicht von ungefähr das Teilwörtchen Gewinnung

Dazu gehört dann die Bereitschaft, für seine Kandidaten auch mal einen Extrameter zu gehen, dazu gehört, diesen das eigene Unternehmen und dessen Vorzüge sprichwörtlich zu verkaufen und dazu gehören basale Tugenden einer guten Kinderstube: Freundlichkeit, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit (Link)

Aber ich schweife ab. (Man darf allerdings gespannt sein, was Jo Diercks Aufruf zur Blogparade für Input generieren wird. Unbedingt folgen!)

Innovation und Mut für Neues

Zurück zum Thema. Vertrauen. Austausch. Ich jedenfalls habe viel in und von diesen Treffen gelernt, habe mich motivieren und inspirieren lassen und konnte Ideen und Vorhaben diskutieren und abtesten lassen. Insofern freue ich mich für 2015 schon auf die vielen weiteren Gelegenheiten, sich weiter auszutauschen und voneinander zu lernen. Denn nur so können wir unsere „Mindsets“ – Jörg sprach zu Beginn des Frechmut-Projekts immer auch von der Software der Personaler – erweitern, sie optimieren und für neue Herausforderungen einsetzen. Denn nichts anderes meint „Frechmut“. Eine Einstellungssache als Voraussetzung für Innovation. Ganz gleich in welchem Kontext. Dazu gehört vor allem Mut, Leidenschaft, Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, Grenzen auszuloten und von anderen zu lernen. Ob es hierbei um die (neuen) Anforderungen an die Personalgewinnung geht– gerade auch mit Blick auf die jugendlichen Berufsanfäger im Azubimarketing -, ein Umdenken der eigenen Employer Branding Strategien oder die Effekte disruptiver Technologien für Wissensmanagement, Coporate-Learning und Unternehmenskommunikation.

Zum letztgenannten Punkt einige Ergänzungen: Bis morgen noch findet in Las Vegas die CES 2015 – die Consumer Electronics Show – statt. Dort zeigen Unternehmen ihre Zukunftsvisionen, die vor allem eins sein müssen: alltagstauglich. Denn sonst wäre mit diesen Produkten schlicht kein Geld zu verdienen. Ein Blick auf die vorgestellten Produkte, Innovationen und Dienstleistungen lohnt, denn es sind Indizien für Kundenerwartungen und -ansprüche sowie Symptome unserer digitalisierten Gesellschaft. So z.B.

  • die weiter zunehmende Portabilität von Social Media Anwendungen (man denke an Wearables und die zahlreichen Apps),
  • die Popularität von Messenger-Apps als DAS neue Social Media (etwa WhatsApp, WeChat usw.)
  • Mobile First der Generation Z
  • Popularität von YouTube, Vine usw.
  • Personalisierung
  • Big Data – Online und in-App-Logins etc.
  • Die „Internet-Suche“ findet zunehmend auch außerhalb von Google statt

Das was etwa Robin mit WeChat im Bereich der Personalgewinnung oder Candidate Experience für Voith macht, ist ein ideales Beispiel für die kommunikativen Herausforderungen aber auch Chancen durch neue Technologien und Userbedürfnisse. Und auch wenn das wie in seinem Fall zunächst nur für den chinesischen Markt gelten mag, sollten hieraus auch Inspirationen für die eigenen Anstrengungen folgen (können). Und wie? Ausprobieren! Testen! Lernen! Besser werden!

Bricolage und Antropofagia

Bricolage und das Konzept der Antropofagia sind in diesem Zusammenhang hilfreiche Modelle, um das auf den Begriff zu bringen, was sich hinter diesem „Ausprobieren“ verbirgt. Mit „Bricolage“ hat der Ethnologe Claude Lévi-Strauss in den 60ern des letzten Jahrhunderts die Denk- und Handlungsform eines „wilden Denkens“ beschrieben. Als eine nicht-regelbewusste sondern improvisierte und an den Gegenstand angepasste Form des Denkens und Handelns, in der phantasievoll mit dem Gegenstand bzw. seinen Fragmenten umgegangen wird. Im Grunde genommen also das, was man auch einer kreativ-schöpferischen Arbeit zusprechen würde.

Antropofagia – die Wortbedeutung wäre mit Kannibalismus vermutlich am besten getroffen – ist in gewisser Weise eine Fortführung des Bricolage-Gedankens, der vom brasilianischen Künstler Oswald de Andrade 1928 in seinem Manifesto Antropófago ausgearbeitet wurde und eine Art „Weltaneignung“ beschreibt. Es geht um einen Prozess der „Einverleibung“ und zwar dadurch, dass der ursprüngliche Sinn und Kontext des einzuverleibenden Gegenstands schlicht ignoriert wird und mit neuem Sinn, neuer Funktion und Gebrauch belegt wird. Eine Art von Lernen, wenn man so will. Und zwar zu lernen, Dinge, Sachverhalte, Werkzeuge usw. in die je eigenen Nutzungskontexte zu „überführen“ und daraus Innovationspotenziale zu entwickeln. Wie eben am bereits benannten Beispiel von Robin, WeChat für das Beziehungsmanagement einzusetzen und als aufmerksamkeitsstarkes Goodie eigene karrierebezogene Emoticons für WeChat zu entwickeln. Emoticons – oder hier Sticker – die eigentlich der Emotionalisierung der Schrift-Kommunikation dienen und hier nun im Recruiting-Kontext Anwendung finden. Chapeau!

Aber auch im Kleinen kann „Fremdes“ einverleibt werden, um Neues zu schaffen. Etwa indem man sich an fremden Formatkonventionen bedient. Für die Social Media Kommunikation der TK probieren wir immer wieder, neue Formate für unsere Zwecke zu überführen. Beispielsweise die „Sagen-Sie-jetzt-nichts“-Interviews aus dem SZ Magazin für eigene Stellenanzeigen. Ob es funktioniert? Das soll jeder selbst entscheiden. Aber für unsere Zielgruppen tut es das. Aber auch wir müssen immer wieder (aus)probieren. Und vor allem mit unseren Zielgruppen sprechen.

 

 

Es gibt viele weitere Beispiele, an denen man demonstrieren kann, dass es sich lohnt, bereits vorhandenes, gedachtes oder kontextferne Sachverhalte zu überdenken und im neuen Kontext strahlen und zugleich wirksam werden zu lassen. Dabei geht es aber um am Beispiel der Arbeitgeberkommunikation zu bleiben nicht darum, dadurch nur noch mehr Buntes, Glänzendes oder provozierendes zu produzieren. Dem eigenen Employer Branding ist das ohnehin nur selten wirklich dienlich, wie auch Henrik Zaborowski erst gestern wieder überzeugend dargestellt hat. Manchmal hilft bereits eine Analogie – und das Denken von Analogien ist nichts anderes als Bricolage -, um die Problematik oder die Potenziale eines Sachverhalts zu verdeutlichen und damit Lösungen zu erarbeiten. Man nehme z.B. den Vergleich des Paarbindungsprozesses vom ersten Flirt hin zur festen Beziehung. Allein aus einer solchen Analyse kann man sehr viel zum Thema Candidate Experience und Personalgewinnung gewinnen. Auch hinsichtlich neuer Tools und Softwareangebote muss man sich nur die bereits bestehenden Start-Ups wie Careerdate, Firstbird oder Feel-Good-At-Work anschauen, um die dahinterliegenden Mash-Up-Formen zu erkennen. Hier werden Dating-, Belohnungs- und Authentifizierungsprinzipien aus anderen Kontexten übernommen und gewinnbringend in neue Angebote integriert. Ich bin überzeugt, dass in diesem Jahr da noch einiges auf uns zukommen wird.  Für meine kommenden Beiträge habe ich mir jedenfalls vorgenommen, mal einige solcher Beispiele und Analogien näher zu beleuchten. Bis dahin – und ja, jetzt kommen wir zum versprochenen Gewinn – kann ich nur raten, sich Jörgs Buch Personalgewinnung mit Frechmut und Können anzuschauen oder es von mir geschenkt zu bekommen. Was man dafür tun muss: einfach kommentieren. Ich verlose es dann unter den Kommentatoren qua Zufallsauswahl.

Und jetzt – bevor es noch Freitag wird. Gute Nacht und viel Frechmut für 2015.

 

Jürgen Sorg About Jürgen Sorg

Mit meiner ersten Email-Adresse 1996 fing meine Leidenschaft für Online Medien an: Internetkommunikation, soziale Netzwerke, MPOGs, Webvideo und Mobile. Das alles fasziniert mich und insbesondere die Frage nach Art, Kontext und Zweck der Mediennutzung. Nach Studium der Medienwirtschaft und -wissenschaften in Siegen und Southampton habe ich mich von 2003 bis 2008 als wissenschaftlicher Koordinator und Mitarbeiter an der Universität Siegen mit dem Umbruch von analogen zu digitalen Medien beschäftigt. Nach Zwischenstationen als Bildungsreferent und Projektmanager in der digitalen Wirtschaft war ich bis Mitte 2015 im Personalmarketing bei der Techniker Krankenkasse für die Social Media Aktivitäten zuständig. Seit 2015 bin ich als Digital Marketing Manager bei der Continental AG.
Meine Favs: Gadgets, asiatisches Kino, Wasabi Nüsse und der südamerikanische Altiplano.

Comments

  1. Einer kommt immer zu spät. Mist. 🙂
    Aber Danke für den Artikel und die zwei neuen Begriffe.

    Liebe Grüße
    Jack

  2. Alexander Jellinek says:

    Bei so guten Chancen mache ich dich gerne mal mit bei der Verlosung- die letzten werden die ersten sein 🙂

  3. Erster! Krieg ich das Buch? 😉

    Gruß
    S.

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