#SOSUDE – ein Rückblick auf den 1. deutschen Sourcing Summit

Phil Tusing hatte geladen – und 200 Sourcer und Personaler kamen am 18./19.5. nach Mainz. Zwei Tage prall gefülltes Programm mit einigen Masterminds der Szene, u.a. Irina Shamaeva, Glen Cathey, Shane McCusker und Balazs Paroczay. Thematisch wars eine wilde Schlittenfahrt: Market Intelligence, Sourcing-Strategie, die EU-Datenschutz-Grundverordnung, erweiterte Google-Suchoptionen der fortgeschrittenen Art, der Facebook Graph Search, Recherche-Methoden des investigativen Journalismus, charmante Kandidatenansprache und zwar technisch machbare, aber nicht so ganz legale hacking-Methoden. Langeweile kam da nicht direkt auf. Ich will in diesem Blogpost einen kurzen Einblick geben, was in Mainz inhaltlich los war. Die Themenauswahl ist durchaus subjektiv.

6 Dinge, die man – wie ich finde – vom 1. Deutschen Sourcing Summit mitnehmen sollte

  1. AI und machine learning kommen mit Macht – auch im Sourcing

    Glen Cathey hat am Beispiel von einigen Tools gezeigt, was (zumindest im englischen Sprachraum, für DACH darf man gespannt sein) schon heute möglich ist, um sich das Sourcerleben leichter zu machen und gleichzeitig mehr bzw. bessere Kandidaten zu finden sowie diese erfolgreich anzusprechen. Ein Blick lohnt hier unter anderem auf Textio.com, sociallist.io, Volkscience.com und natürlich Textkernel. Das klang alles großartig, weil es vieles leichter macht, aber: Komfort hat das Potenzial, dass wir bequem werden und auch da den  einfachen Weg gehen, wo eigentlich der schwierigere angesagt wäre. „Hirnkastel einschalten“, die der Jan Hawliczek gerne sagt, bleibt also weiter wichtig!

  2. Die erste Ergebnisseite liefert nicht zwingend Top-Kandidaten

    Suchmaschinen finden das, was wir suchen – also in diesen mysteriösen Suchschlitz rein schmeißen. Und meistens suchen wir noch immer nach (zu wenigen) keywords. Der Kandidat, der am besten auf unser Anforderungsprofil passt, benutzt leider nicht zwingend genau die keywords, mit denen wir suchen. Deshalb müssen wir Recruiter also verstärkt den Kontext verstehen, zwischen den Zeilen lesen – und auch auf der letzten Seite der Suchergebnisse schauen: Dort schlummern so manchmal echte Diamanten.

  3. Dokumentation ist das nächste große Ding

    Nina Diercks durfte natürlich nicht fehlen, gab die Datenschutz-Mahnerin und hat offensichtlich viele Augen geöffnet. Die Datenschutzgrundverordnung, dank der es ab Mai 2018 richtig teuer wird, macht es nötig, dass wir im Sourcing zukünftig deutlich mehr dokumentieren und unsere Kandidaten für die Speicherung und Verarbeitung ihrer Daten geeignet hinweisen – inkl. double-opt-in. Lästig, aber hilft nix. Auch eine angepasste Datenschutzerklärung auf der Karriere-Website gehört zu den Themen, um die wir uns alle kümmern sollten – und zwar jetzt. Grundlegendes dazu bei Nina.Visual Sourcing Summit

  4. XING bringt einige neue Funktionen für den Talent Manager

    Frank Hassler stellte einige Dinge vor, die den Funktionsumfang des XING Talent Managers erweitern und abrunden: So ist es ab sofort möglich, vom Algorithmus berechnete Wechsel-Wahrscheinlichkeiten von Kandidaten zu sehen. Laut XING verspricht dies eine bis zu 20% höhere Response-Rate (und hoffentlich entsprechend weniger SPAM für diejenigen, die aktuell nicht auf der Suche sind). Auch sollen XING-Mitglieder zukünftig dezidiert angeben können, bei welchen Unternehmen sie gerne arbeiten würden. Und als Recruiter sehe ich das in einer automatisch generierten Talentpool-Liste zusammen mit den Followern meines Unternehmensprofils und den Besuchern meiner Stellenanzeigen. Nett.

  5. In Facebook ist ordentlich Musik drin

    Hände hoch! Wer wusste schon, dass (im Vergleich zu LinkedIn mit seinen 500 Mio. Nutzern) in 3x so vielen Facebook-Profilen Angaben zu Beruf und/oder Arbeitgeber stecken? Und 40% aller Europäer inzwischen einen Facebook-Account haben? Die These des „rein privaten Netzwerks“ sollten wir also nochmal überdenken. Der Facebook Graph Search ist der Dosenöffner für Facebooks Daten, den man bedienen lernen sollte, wenn man da ran will.

  6. Bilder sind ein hidden giant

    Oscar Mager referierte zu „visual sourcing“ und zeigte ein paar Tricks zur google-Bildersuche. Mit ein paar Boole’schen Befehlen und einem passenden Google-Operator kann man da erstaunliche Sachen machen. Wirklich beeindruckend und auch schwer irritierend fand ich aber, was die Gesichtserkennung inzwischen kann: Baidu (die große chinesische Suchmaschine) schafft laut Oscar inzwischen eine erfolgreiche Gesichtserkennung in 99,8% aller Fälle. Uff. Und das FBI hat in seinen Datenbanken Bilder von über 400 Millionen Menschen. Da wurde es kurz still im Saal. Dieses Experiment sollte sich jeder anschauen, der spätestens jetzt ins Grübeln kommt.

Was noch war

Zusätzlich gabs noch stapelweise Tipps zu strings, custom search engines und viele andere Kniffe, mit denen man auch in Deutschland richtig gut sourcen kann. Wie ich finde, eine Themenfülle, die wir in Deutschland in einer einzigen Veranstaltung so noch nicht hatten. Meine persönliche Ausprobier- und Weiterlern-Liste ist gut gefüllt: Ein schönes Zitat war: „Wenn man sich 80-100 Stunden mit den erweiterten Google-Operatoren beschäftigt, ist das ein guter Anfang.“ 😉

Und mit den Neuerungen und Gadgets, die absehbar vor der Marktreife stehen, wird sich der Anteil von sourcing im Recruiting-Mix definitiv weiter erhöhen. Ich glaube, dass wir schon sehr bald Jopbprofile sourcen werden, über die man heute noch gar nicht nachdenkt, „weil die Kandidaten nicht auf XING sind“. Das wird eine spannende Zeit. Nicht nur deswegen empfehle ich allen, die sich zu sourcing mal ordentlich aufschlauen wollen, spätestens nächstes Jahr selbst dabei zu sein, wenn #sosude wieder auf Twitter trendet.

Ein ausgesprochen großes Danke geht insbesondere an das deutsche Orga-Team rund um Barbara Braehmer. Ohne deren Engagement wäre das Event so nicht denkbar gewesen!

Ich fahr aber auch ein bisschen nachdenklich heim. Was kann sourcing alles? Only the sky ist the limit. Etwas quer liegt mir aber im Magen, dass wir Deutschen zwar tradionell (und aus guten Gründen) Datenschutz und Privatsphäre sehr ernst nehmen; wenn es im business zwickt und Sourcing die Top-Talente besorgen muss, gibt es aber kein Halten mehr, was das ausforschen von möglichen Kandidaten angeht (99% sind dann am Ende aber keine). Da schauen wir Menschen ganz tief ins virtuelle Wohnzimmer, weil es technisch möglich und legal ist (sind ja alles öffentliche Informationen). Ist das nur Romantik oder wie seht ihr das?

Stefan Reiser About Stefan Reiser

Wenn ich zurückdenke, bin ich wohl zu HR gekommen, weil mir in meinem Diplom-Pädagogik-Studiengang etwas langweilig war. Also gibt man sich noch ein paar Vorlesungen und Seminare bei den Wirtschaftswissenschaften. Inzwischen bin ich seit 5 Jahren Personalreferent bei der Lechwerke AG, einem regionalen Energieversorger in Augsburg und zugleich RWE-Tochter. Dort kümmere ich mich ums Employer Branding und Personalmarketing. Weiterhin jongliere ich noch Personalcontrolling-Themen und bin unser Mitarbeiterbefragungs-Zaubermeister. Themen, die mich begeistern: Unternehenskultur, Sprache & Semantik, Recruiting auf Augenhöhe, Mitdenken 4.0
Privat sieht man mich in Bewegung, sobald man mir beliebigen Ball zuwirft bzw. -schießt, es Schnee auf den Bergen hat oder mein Sohn unvorhergesehene Dinge tut. Mehr von mir zu lesen gibt es insbesondere auf Twitter, hin und wieder auch auf XING.

Comments

  1. Friederike Baer says:

    tolle Zusammenfassung – bringt es gut auf den Punkt! 🙂

  2. Caro Matthiä says:

    wie es zu dieser zeitlichen Verzögerung in Wiesbaden kommen konnte, ist mir unerklärlich, in Mainz waren wir fast pünktlich fertig 🙂 Ein spannender, schön geschriebener Rückblick auf den 1. SoSuDe, Danke, Stefan!

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  1. […] ich verantwortlich, sondern einige der Wettkandidaten, die aber erst noch den weiten Weg von der Sourcing Summit von Mainz nach Wiesbaden antreten mussten ;)) ging es dann los mit der Eurovisions-Hymne […]

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